Dr. Hubertus Porschen

| Keynote-Speaker | Gründer & Unternehmer

| Experte Digitalisierung, Social-Media & Unternehmertum

| Juror beim "Digital Champions Award" der Wirtschaftswoche

| ehem. Bundesvorsitzender des Verbands "Die Jungen Unternehmer"

Die digitale Stadt

Die Digitalisierung ändert die gesamte Gesellschaft, die Unternehmen aber auch die Individuen. Auch Städte müssen sich zunehmend auf die veränderten Rahmenbedingungen einstellen und für sich Handlungsfelder identifizieren und diese auch umsetzen. Eine Frage ist auch die Frage der Finanzierung. Ganz aktuell: Analog zum Digitalpakt für Schulen wäre ein Digitalpakt für den Öffentlichen Dienst denkbar, sagt Silberbach, der DBB-Chef .

Im Folgenden finden sich einige Vorschläge, was eine digitale Stadt ausmacht. Es sind lediglich Impulse. Ich habe zunächst einmal die Voraussetzungen aufgeführt um dann konkrete Vorschläge zu benennen, wenn möglich immer mit Beispielen. 

Voraussetzungen für die digitale Stadt

Digitale Vision

Eine Stadt muss eine umfassende langfristige Digitalstrategie und -vision aufbauen. Mit Zuständigkeiten, klaren Zielsetzungen und handlungsfähigen Akteuren.

Die digitale Vision muss vom regierenden Oberbürgermeister als CEO der Stadt kommuniziert werden. Es ist wichtig, dass die Vision regelmäßig  erneuert bzw. angepasst wird.

Die Vision muss dabei greifbar sein und dient dazu, die Mitarbeiter und die Bevölkerung “mitzunehmen”. (Amazon: „Our vision is to be earth’s most customer centric company; to build a place where people can come to find and discover anything they might want to buy online.“)

Die Strategie muss den Weg zur Erreichung dieser Vision beschreiben. Sie sollte die Zielgruppendefinition beinhalten und auch die Antriebe der Bürger. Hier einige Beispiele. 

Zielgruppen der digitalen Stadt

  • Bürger
  • Unternehmen
  • Touristen
  • Mitarbeiter

Antriebe der Bürger

  • Wohnen
  • Arbeiten
  • Leben
  • Umwelt
  • Energie
  • Verkehr
  • Geburt
  • Immobilien
  • Shopping

Aus den Zielgruppen und den zugehörigen Antrieben ist es im Anschluss möglich, eine Strategie und einzelne Projekte zu entwickeln.

Personal und Organisation

Klar, für die Umsetzung von Visionen und Strategie braucht man das passende Personal. Die Digitalisierung benötigt spezielle Kompetenzen und Fähigkeiten, die häufig vom bestehenden Personal in Städten und Kommunen nicht abgedeckt werden. Wichtig ist ein dauerhafter interner Kompetenzaufbau.

3 Beispiele für benötige Digitalisierungskompetenzen:

  • Projektmanagement: Digitalisierung als Querschnittsaufgabe verstehen. Die Strategie in einzelne Projekte aufsplitten und die Umsetzung koordinieren- das ist die Aufgabe von Projektmanagern. Zuhören, Kommunizieren, ein Verständnis für digitale Prozesse und extrem umsetzungsgetrieben sind wichtige Eigenschaften, die ein solcher Projektmanager haben sollte.
  • IT: Digitalisierung ist vorrangig nicht als rein technischen Disziplin zu verstehen, sondern vielmehr als Mindset. Nichtsdestotrotz bilden auch technische Prozesse und ein technisches Verständnis die Basis. Zudem ist technische Kompetenz in Verwaltungen bisher extrem unterrepräsentiert.
  • Digitales Marketing: Ein Verständnis für digitales Marketing ist entscheidend um Strategie, Maßnahmen und Erfolge zu kommunizieren, aber auch um dauerhaft Bürger einzubinden.

Wie wichtig das “operative” Personal ist, zeigt sich dann auch am Beispiel des CityLab Berlin, dass 2015 nach vollmundigen Ankündigungen die Hauptstadt zur Hauptstadt der Digitalisierung machen wollte. Als Gründe für die Nicht-Eröffnung gelten bis heute der “personelle Flaschenhals” (Tagesspiegel Newsletter).

Organisatorisch muss das Personal gerade im ersten Schritt (zumindest teilweise) abgeschottet von bisherigen Strukturen agieren können um nicht nur zu konzipieren sondern vor allem umzusetzen.

Das ist Chefsache und eine der obersten Prioritäten der Entscheidungsträger.

Eine Kienbaumstudie (“Die richtige Organisation zur Digitalen Transformation”) kommt u.a. zu drei Ergebnissen:

  • Die Digitaleinheit ist aufgrund ihrer Andersartigkeit aus einem etablierten Fachbereich herauszulösen.
  • Digitaleinheiten sollten in eigenen Kompetenzteams, einem eigenen Geschäfts-/Fachbereich oder einer Stabstelle aufgebaut werden.
  • Es zeigt sich ein klarer Trend für die Digitale Transformation eine eigene organisatorische Einheit innerhalb der Organisation zu etablieren.

Gerade im öffentlichen Bereich ist das extrem wichtig, da häufig viele Stakeholder eine Rolle spielen (wollen) und aufgrund parteipolitischer Ränkespiele “strategische” und nicht rationale Entscheidungen getroffen werden.

Eigentlich ganz einfach: Das richtige Personal mit ausreichenden Handlungskompetenzen.

Digitale Infrastruktur und Sicherheit

Infrastruktur ist eine der Kernaufgaben eines Staates. Auch Kommunen und Städte haben die Aufgabe, durch Steuergelder eine passende Infrastruktur bereits zu stellen.

  • WLAN und Breitband: Schnelles Internet im gesamten Stadtgebiet. Keine weissen Flecken. WLAN in der ganzen Stadt. Kostenlos und mit maximalem Speed.
  • Sicherheit: IT Polizei. Datenhoheit. Sicherheit auch als USP für die Stadt. Die digitale Stadt braucht unbedingt eine lokal bzw. kommunal agierende “Datenpolizei”, an die sich Bürger (u.U. auch Unternehmen) wenden können.
  • Datenbanken und -systeme: Zusammenführung verschiedener Datencluster zum Wohle der Stadt, der Unternehmen und der Bürger.

Vernetzung

Die zentrale Voraussetzung für die Nutzung der folgend beschriebenen Dienste ist allerdings eine Vernetzung der Dienste und Daten. Sowohl horizontal, als auch vertikal (hiermit sind vor allem Länder und Bund gemeint).Das KVB Ticket, die Meldebescheinigung und auch der Ideenwettbewerb sind alle auf einer Plattform gebündelt.

Das Alles kostet Geld. Digitalisierung ist allerdings nie Selbstzweck. Investitionen müssen sich rentieren. Im Optimalfall Prozesse verbessern, Personal für sinnvollere Aufgaben freisetzen und Bedürfnisse besser befriedigen. Digitalisierung muss daher mit harten Kennzahlen gemessen werden und Rechenschaft ablegen.

Konkrete Handlungsfelder der digitalen Stadt

Die Handlungsfelder der digitalen Stadt orientieren sich an den Antrieben und Bedürfnissen sowie den Zielgruppen.

Digitale Verwaltung

Ziel bei der digitalen Verwaltung muss es sein, den klassischen Behördengang überflüssig zu machen und dem Bürger alle Verwaltungsakte auch online zu ermöglichen (mit einem klaren Zeitrahmen versehen, könnte das bereits ein Visionsansatz sein).

Beispiele für konkrete Verwaltungsakte, die einfach digitalisiert werden können: 

  • Gründungen
  • Wohnungsan- und ummeldungen
  • Hochzeiten
  • Geburt sowie Anmeldung KITA, Schule etc.
  • Auto
  • Personalausweis und Reisepass etc.

Folgende Grundvoraussetzungen zur Befriedigung dieser Bedürfnisse müssen dafür umgesetzt werden:

  • Digitaler Personalausweis oder Bürgerkonto, wo alle Stammdaten hinterlegt sind. Hierzu gehört z.B. die Geburtsurkunde. Auch eine Historie der abgewickelten Vorgänge könnte hier bspw. hinterlegt sein. Ebenso werden intelligente Registerabfragen möglich sein. In einem Pilotprojekt in Gelsenkirchen (Seit 2018 ist Gelsenkirchen eine von fünf digitalen Modellkommunen, für die das Land insgesamt 91 Millionen Euro ausgibt) soll bswp. die App Xign Sys die Möglichkeit bieten, durch Abscannen eines QR Codes von der Verwaltungswebseite einen Anwohnerparkausweis zu beantragen.
  • Terminvereinbarungen für Telefonate oder physische Treffen durchgängig online (falls überhaupt notwendig). Am Besten direkt per Sprachsteuerung. 
  • Zahlungsabwicklung online. Keine Barzahlung und Kartenzahlung vor Ort.

Ein zentraler Bestandteil der digitalen Verwaltung ist übrigens die Beteiligung der Bürger in sämtlichen Facetten (z.B. Strassenschäden, Ideenwettbewerbe usw.)

Übrigens: Die ganz große Gefahr, dass Kommunen alle an Ihren eigenen Lösungen basteln, ist extrem real (#Flickenteppich). Ganz untätig ist die Bundesregierung hier nicht. Damit das nicht geschieht, wird derzeit das Onlinezugangsgesetz (OZG) in einer Gemeinschaftsanstrengung von Bund, Ländern und Kommunen umgesetzt (interessanter- aber richtigerweise ist das föderalistische Prinzip hier ausser Kraft gesetzt :-)). Bis 2022 sollen alle Verwaltungsebenen zunächst 575 ausgewählte Dienste digital anbieten.

Bei komplexeren Vorgängen sage ich elektronisch was ich haben möchte und der Servicecenter erledigt das in einem Wisch.

Beispiele hierfür sind:

Civic Tech Center Kiew: http://1991.center/

Civic Hall New York City: https://civichall.org/

Barcelona: https://ajuntament.barcelona.cat/digital/en/digital-innovation/i-lab/about-the-ilab

Aus meiner Sicht das beste Beispiel für eine digitale Smart-City ist die Stadt Wien:

https://smartcity.wien.gv.at/site/

https://digitales.wien.gv.at/site/

Energie

Die Stadtwerke müssen die digitale Transformation umfassend und ganzheitlich angehen. Dazu ist ein (personeller) Kompetenzaufbau dringend sowie eine Reduzierung des bürokratischen Aufwandes erforderlich. Die drei zentralen Schlüsseltrends sind:

  • Verteilnetz
  • Messwesen als zentrale Schnittstelle im Gebäude
  • Vertrieb aufgrund der zunehmenden Wettbewerbsintensität

Hier zur Studie von EY zur Digitalisierung der Stadtwerke!

Verkehr und Mobilität

Nur zwei Beispiele:

  • Verkehr: Nutzung der Daten zur Steuerung der Verkehrsflüsse von Autos, Bussen und Carsharing Diensten
  • Mobilität könnte eine Antwort auf den Mangel an Wohnflächen sein um die ländlichen Regionen zu stärken und die Nachfrage nach Immobilien in Stadtnähe zu reduzieren.

Hierzu gehört eine Vision für den zunehmenden Stadtverkehr, eine Integration sämtlicher Mobilitätsformen wie E-Roller und E-Bikes.

Lernen und (Weiter-)Bildung

Ich persönlich denke, dass der Staat mit seiner föderalen und nicht mehr zeitgemäßen (digitalen) Bildungssstrategie überfordert ist. Das Bildungssystem spiegelt nicht die Anforderungen und Bedürfnisse der Menschen wieder. Die digitale Stadt hat auch ein digitales Bildungssystem, in der digitale Kompetenzen ausgebildet werden. Der klassische Lehrer sowie die Kreide werden ersetzt durch künstliche Intelligenz, digitale Materialien sowie Coaches, die unter Einsatz digitaler Endgeräte die Köpfe der Zukunft ausbilden.

Einige Kernaufgaben, die neben den Verwaltungsaspekten relevant sind:

  • Weiterbildung der Lehrenden
  • Lehrmaterialien müssen auch digital verfügbar sein
  • Zahlungsabwicklung für bestimmte Leistungen
  • digitales Klassenzimmer

Ansonsten muss das städtische Ökosystem Gründer fördern. Nur so können nachhaltige, auch disruptive Innovationen entstehen. Gerade Innovationen im Bildungssystem kommen von Schülern, die selber die Probleme des Systems erkennen.

Gesundheit

Die Gesundheit ist einer der zentralen Voraussetzungen für die Lebensqualität in einer Stadt. Im Wesentlichen geht es um Aufklärung rund um Ernährung und gesunde Lebensweisen, aber auch um den Zugang zu gesundheitlichen Diensten und Medikamenten sowie Pflege.

Mögliche Diskussionspunkte:

  • Medizin-App
  • elektronische Rezepte
  • Identifizierung bei medizinischen Diensten
  • Videosprechstunde
  • Elektronische Patientenakte
  • Telemedizinische Dienste

Auch diese Liste liesse sich beliebig erweitern. Hier ein Artikel zur Digitalisierung in der Gesundheitsbranche.

Digitale Interaktion

Mit der digitalen Interaktion ist die Kommunikation gemeint. Allerdings geht diese nicht in eine Richtung, wie bisher, sonndern ist auf „Empfang“ und nicht auf „Senden“ ausgelegt.

  • Mit Bürgern: Digitale Technologien und Services schaffen neue Möglichkeiten für Kommunen, Wissen und Wünsche der Bürgerinnen und Bürger in ihre Planungen einzubeziehen. Sie müssen Big Data für sich nutzen, digitale Beteiligungsmöglichkeiten fallorientiert einsetzen, bestehende Bürgerinitiativen einbinden, neue Anreizformate schaffen und den interkommunalen Austausch stärken.
  • Mit Touristen: Touristen nehmen Köln als digitalste Stadt Deutschlands wahr, in der Sie perfekt bei Ihrem Erlebnis unterstützt werden. In der Sie Ihren Aufenthalt perfekt planen können. @Vernetzung: Im Optimalfall gibt es Schnittstellen mit lokalen Fotodiensten.
  • Mitarbeiter der Stadt können Feedback für Verbesserungsprozesse geben. Mitarbeiter können digitale Tools unterstützend für Ihre Tätigkeit nutzen

Digitales Marketing

Ein Chief Marketing Officer koordiniert das digitale Marketing und arbeitet nach vorab definierten KPI´s in dem sich die Kommune als moderne, digitale Lebenswerte Stadt präsentiert.

Um die Wettbewerbsfähigkeit einer Stadt zu erhalten, sollte sich die Standortstrategie verstärkt auf digitale Kanäle stützen. Klassisches Marketing wie Printprodukte oder Veranstaltungen verlieren an Bedeutung und sind aufgrund der digitalen Vernetzung vieler Nutzer nur mehr als ein Element der Standortstrategie zu sehen.

Das digitale Marketing muss sich ebenso an den Zielgruppen, Bedürfnissen und Antrieben orientieren. Hieraus werden Formate entwickelt und an die unterschiedlichen Kanäle anpasst.

Ein Beispiel: Ein digitales Marketing im Jahr 2019 muss sich im wesentlichen auf Bewegtbild spezialisieren. Möchte ich als Stadt die Zielgruppe der unter 30-jährigen erreichen muss ich zwangsläufig mit einem Youtube-Kanal unterwegs sein. Auch chinesische Netzwerke sollten dringend bedient werden um einen kontinuierlichen Touristenzufluss aus Asien zu gewährleisten.

Ein Beispiel für gelungenes Digitales Marketing zeigt die Stadt Denver:

http://www.metrodenver.org

Hier werden Schnittstellen und Daten bereit gestellt, die Konsumenten und Unternehmen nutzen können.

Fazit zur digitalen Stadt

Viele der hier aufgeführten Handlungsfelder für die digitale Stadt sind nicht wirklich neu. Trotzdem gibt es wenige Städte, die eine konkrete Strategie verfolgen und auch umsetzen. Die Politik ist dringend gefordert hier zu handeln. Eine Alternative wäre es, die Prozesse outzusourcen.

 

Über den Autor:

Dr. Hubertus Porschen ist Geschäftsführer der App-Arena GmbH. Er war zudem Vorsitzender des Verbandes der Jungen Unternehmer (Die Familienunternehmer). Des Weiteren doziert er auf Konferenzen und Tagungen zu Themen rund ums Social Web, Digitalisierung und Innovationsthemen.

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