Die 7 Prinzipien der Digitalisierung

Die folgenden 7 Statements sind aus meiner Sicht die wichtigsten Prinzipien für die Veränderungen in unserer postindustriellen Gesellschaft. Es mag andere Formulierungen geben, andere Beschreibungen, aber im Kern empfehle ich jedem Manager und Unternehmer, diese 7 Prinzipien zu verinnerlichen und für sich selber und sein Business anzupassen.

Sie entspringen meiner Lektüre von Büchern, meinen Keynotes zur Digitalisierung, Zeitschriften, Blogs, meinen Gesprächen mit Veränderern, mit Enablern, mit Disruptoren- aber auch mit Besitzstandswahrern, mit Disablern, mit Arbitrageuren.

Ich selber nutze die 7 Prinzipien als Tool- ständig präsent als kleine Karte in meinem Portemonaie und Schreibtisch, weil ich ständig in die Falle des Statischen verfalle.

1. Stop guessing- start doing: Build-Measure-Learn Mentalität

Die Digitalisierung der Welt bedeutet auch eine zunehmende Technisierung. Neue Technologien ermöglichen uns, Ideen, Konzepte anders zu testen als wir das bisher gemacht haben.

Unsere eigene Meinung zählt nicht (Intuition gibt es fast nicht). Es zählt auch nicht (nur) die Meinung eines einzelnen Kunden. Letztlich zählen Zahlen und Statistiken. Sie geben uns Auskunft, ob ein Produkt oder eine Dienstleistung auf Interesse stösst oder nicht. Wenn wir das wissen, wissen wir aber nicht, ob es wirklich eine Zahlungsbereitschaft gibt. Auch das muss getestet werden.

Lasst uns endlich aufhören, Annahmen zu treffen und zu raten. In Zeiten der Digitalisierung ist das völlig unnötig. Wir haben andere Möglichkeiten, Annahmen zu verifizieren.

Besser: Machen-Messen-Lernen. In einem nie aufhörenden Zyklus. Mit einem minimum vialable product testen wir die Akzeptanz einer Idee, eines Tools. Und dann messen wir und lernen daraus.

In Zeiten der Digitalisierung gibt es keine zweite Option neben Build-Measure-Learn.

Stoppen Sie sich selber, wenn Sie sich (oder andere) sagen hören “ich denke“, „ich kann mir vorstellen, dass“ oder „meine Tochter sagt aber“.

Der einfachste Weg? Starten Sie eine Landingpage mit einem kostenlosen Anbieter innerhalb weniger Minuten. Schalten Sie 50 € Werbung auf diese. Oder erstellen Sie ein Google-Formular und senden dies an Ihre Kunden/Freunde/Bekannte/Mitarbeiter.

Machen-Messen-Lernen ist eine Führungseigenschaft und Disziplin gleichzeitig, die über Erfolg und Misserfolg entscheidet.

2. Kultur etablieren unter Berücksichtigung sich verändernder Bedürfnisse

Die Welt ändert sich. Sie hat sich auch vorher schon geändert. Sie ändert sich nun allerdings in immer kürzeren und heftigeren Zyklen. Das Gesetz der Exponentialität ist ein Beispiel hierfür. Produktinnovationen und deren Marktakzeptanz in immer kürzeren Zyklen.

Die Digitalisierung ermöglicht, dass Technologien immer schneller den Markt erobern. Beispiel: Während Kühlschrank, Radio oder etwa Farbfernsehen noch Jahrzehnte brauchten um eine Marktakzeptanz von über 75 % zu erreichen, so sind es bei Smartphone, Voice-Technologien und Blockchain nur wenige Jahre.

Nicht nur Technologien ändern sich. Auch die Bedürfnisse. Z.B. Wohlstandssteigerungen führen dazu, dass die Antriebe der jeweiligen Generation grundlegend unterschiedlich sind. Generation Y und Generation Z denken nicht in Status-Kategorien, wie wir Sie aus vorherigen Generationen kannten. Sinn und Sinnhaftigkeit sind wichtiger als der Firmenwagen. Freie Zeiteinteilung (Work/Life Balance). Vision und Mission. Klärung des „Warum“ vor dem „Wie“ und „Was“. Fester Partner (für 60 % relevant) steht weit vor den Antrieben Erfolg im Beruf (16 %) und Geld verdienen (11 %).

Daraus entwickeln sich natürlich auch grundlegend andere Berufsbilder. Vor Allem: Sich ändernde Berufsbilder. Wir werden uns damit anfreunden (müssen), dass Bildung nicht mehr der Schlüssel für Erfolg ist, sondern Veränderungsfähigkeit.

3. Mindset-Check: Veränderer, Innovator, Entrepreneur?

Der Mensch als Gewohnheitstier, der Veränderung erst einmal ablehnt in einer Welt, die sich durch Veränderung definiert. Haltung als bewahrendes, sicherndes Element wird ersetzt durch Mut. Mut zur Innovation, zum Risiko zur Veränderung.

Unser Mindset muss ich ändern. Führung ändert sich. Leadership ändert sich. Mehr Unternehmer, weniger Manager- mehr Innovatoren als Routiniers und Arbitrageure in einer digitalisierten Welt. „Everyone is an entrepreneur“ ist das neue Mindset.

Fangen wir bei uns selber an, bevor wir unsere Organisation/Unternehmen disrupten.

  1. Verabschieden wir uns von unserem bisherigen Berufsbild
  2. Ergründen wir unsere Kompetenzen „Status jetzt“
  3. Definieren wir unser Spielfeld „Status Zukunft“
  4. Machen- Testen- Lernen

Von „command and control“ aus dem Industriezeitalter zum „servant leader“ im Digitalzeitalter.

Raus aus der Komfortzone.  (Siehe hierzu auch: Ich und mein digitales Ich-Keynote Hubertus Porschen)

4. Als Daueraufgabe verstehen, keine Projektdenke

„Wir brauchen jetzt eine neue Webseite“, „wir brauchen eine tolle Weihnachtskampagne“ oder „Ich möchte die Digitalisierung angehen und suche einen CDO“.

Alles Bullshit. Zeugt von einer Einstellung, die Digitalisierung als vorübergehendes Phänomen betrachtet. So funktioniert das nicht. Digitalisierung ist Prozessdenke. Sehr outputgetrieben, wenig bis gar nicht inputorientiert.

Digitalisierung bedeutet veränderte Kundenbedürfnisse, eine veränderte Haltung. Daueraufgabe. Ein Geschäftsmodell entwickle ich auch nicht nur einmalig sondern bin als Unternehmer gezwungen, dies ständig auf den Prüfstand zu stellen, anzupassen an Markt und Kundengegebenheiten.

Digitalisierung ist als nicht nur kurz-, mittel- oder langfristig sondern dauerhaft. Veränderung und die Bereitschaft zu eben dem das neue Mantra.

Vielleicht sollte man anstatt des ChieDerf Digital Officers eher einen Veränderungsposten berufen. Jemand der schaut, wie agil die Organisation ist. Agil=Flexibel/Veränderungsbereit.

Um auf das oben Gesagte zurück zu kommen. Die Webseite ist ein elementarer Bestandteil des Geschäftsmodells, des Produktes und damit der Strategie. Sie ist kein abschliessbares Projekt, sondern muss dauerhaft angepasst werden.

5. Produktion statt Konsum

Produktion statt Konsum bedeutet, die Informationsflut, die herrscht, zu beherrschen und nicht zu beherrscht zu werden.

Facebook scrollen und Stories auf Instagram von Anderen anzusehen ist reiner Konsum. iPad-Wischen auch. Netflix schauen ist natürlich auch passiv. Lasst uns in den driver-Seat kommen. Raus aus der Konsum Falle- rein in die Produktion. Eigener Content, eigene Gedanken.

Blogartikel. Strategie. Vernetzung. Videos.  Das alles ist Produktion. Neues Lernen. An seinen Skills arbeiten. Testen. Werbung ausprobieren. Guerilla. Alles Produktion.

Die Digitalisierung verleitet uns zum digitalen Konsum. Dem gilt es sich, gezielt zu entziehen. Durch Social-Media Pausen oder noch besser: Lediglich durch bewusstes Nutzen.

Meditation. Handy-Nutzungszeiten. Keine Social-Media während der Arbeitszeit.

Was ist unsere Produktions- und was ist unsere Konsumstrategie.

Ich empfehle 20 % Konsum- 80 Produktion. Nicht umgekehrt.

6. Besetzung und Halten der Schnittstelle zum Kunden

Plattformen und die Sharing Economy sind Ausprägungen der Digitalisierung. Sie sind für den Produzenten, der bisher häufig direkt den Kontakt zum Kunden hatte (oder zum Händler) ein No-Brainer. Bedeutet, dass Plattformen im ersten Schritt immer ein Vorteil für Produzenten sind bzw. besser gesagt: Es gibt keinen Grund warum Sie ihre Produkte nicht auf die Plattform stellen sollten. Es gibt keine Nachteile (wie z.B. Fixkosten) sondern fast immer mehr Umsatz, Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit. Erst im zweiten oder dritten Schritt zeigt sich die Macht der Plattform.

Der Produzent begibt sich in eine Abhängigkeit, weil die Plattform (häufig z.B. durch extrem guten Service) die direkte Schnittstelle zum Kunden besetzt. Cross- und Upselling Potentiale der Plattformen und economies of Scale tragen dazu bei, dass Profite minimiert werden können.

Plattformen haben es verstanden, den Nutzen des Kunden WIRKLICH in den Mittelpunkt zu stellen. Amazon ist das beste Beispiel. Uber ein Weiteres.
Was die Plattformen daneben verstanden haben, ist, dass die Schnittstelle zum Kunden die Macht erhöht und die Profite sukzessive erhöht.

Der Produzent im Umkehrschluss verliert an Macht. Er begibt sich häufig in eine Abhängigkeit- ausgelöst durch die eigene Unfähigkeit der Strategieentwicklung, ausgelöst durch eine Unkreativität der Entwicklung einer eigenen Strategie.

7. It´s all about People- Menschen empowern

Last but not Least. Digitalisierung ist Mindset. Es ist Führung. Eine neue Form der Organisation, eine neue Form der Zusammenarbeit. Und Arbeit bedingt neben den nun zunehmend einfacher zu nutzenden Technologien den Faktor Mensch.
Der Faktor Mensch kann aber nur genutzt werden, wenn er die Fähigkeiten und Kompetenzen hat.

Deswegen wird es zur Kernchallenge für Unternehmen

  • Die richtigen Mitarbeiter zu finden: Bedeutet, dass wir diese Leute finden müssen. Bedeutet auch dass wir als Unternehmen so spannend sind, dass wir die guten/richtigen Leute anziehen. Hier gilt es bspw. des Antrieben und Bedürfnissen gerecht zu werden und das richtige Framework zu bieten.
  • Die richtigen Mitarbeiter noch besser zu machen: Weiterbildung als zentrales Element der digitalen Unternehmung. Nicht auf Projektbasis. Dauerhaft. Als Teil der dauerhaften Transformation. Auch als Transformationsprozess des Einzelnen. Wir brauchen eine neue Form des Lernens. Der Lernende wird auch Lehrender. Umgekehrt genauso.

Sind wir doch mal ehrlich: Wenn wir nur einen guten Gedanken haben am Tag. Einen guten, produktiven, kreativen Output- dann sind wir schon produktiver als wenn wir stupide E-Mails schreiben, die zukünftig sowieso Bots für uns schreiben.

Wann starten Sie mit Ihrer Digitalisierung?

Lesen Sie auch: Experte für Digitalisierung

Über den Autor:

Dr. Hubertus Porschen ist Geschäftsführer der App-Arena GmbH. Er war zudem Vorsitzender des Verbandes der Jungen Unternehmer (Die Familienunternehmer). Des Weiteren doziert er auf Konferenzen und Tagungen zu Themen rund ums Social Web, Digitalisierung und Innovationsthemen.