Was Unternehmertum und Digitalisierung mit der Theorie der langen Wellen zu tun hat

Wachstum verläuft nicht linear. Wirtschaftliches schon gar nicht. Die Theorie der Kondratieffzyklen hat sich mit diesem Phänomen ausführlich beschäftigt. Die Wellen entstehen durch periodisch auftretende massive Investitionen in Infrastruktur und Großanlagen. Wirtschaftlicher Aufschwung wird mit einer Ausweitung der Produktion, Abschwung mit einem Stillstand der Produktion der Güter hervorgerufen. Für Investitionen bedarf es laut Kondratieff vier Voraussetzungen:

  • Hohe Intensität der Spartätigkeit
  • Genug und günstiges Angebot an Leihkapital
  • Konzentration des Kapitals in den Händen von Finanzzentren oder Unternehmern
  • Ein niedriges Preisniveau, welches die Spartätigkeit und langfristige Sparanlagen anregt.

Die Theorie der langen Wellen

Aufmerksamkeit erregt die Theorie der langen Wellen erstmals durch die innovationstheoretischen Arbeiten Josef Schumpeters (1883-1950), der diese nach ihrem Erfinder Kondratieffzyklen nennt. Jeder Kondratieffzyklus wird von (mindestens) einer Basisinnovation getragen und determiniert die wirtschaftliche Entwicklung für einen Zeitraum von ca. 30-60 Jahren.

Neben den dadurch ausgelösten ökonomischen Vorgängen finden auch gesamtgesellschaftliche Reorganisationsprozesse (Produktions- und Managementmethoden, Bildung, Forschung und Entwicklung) mit dem Ziel der Erschließung neuer Knappheitsfelder statt.

Schöpferische Zerstörung

Die Verknüpfung technischer, organisatorischer und geistiger Innovation zieht nach Schumpeter den „Prozeß der schöpferischen Zerstörung“ nach sich. Auf der Unternehmensebene heißt das, dass bestehende Unternehmen von neuen, innovativen Unternehmen aus dem Markt verdrängt werden oder diese akquirieren. Auslöser und Träger der Kondratieffzyklen sind die Basisinnovationen. Um den Begriff der Basisinnovation zu verdeutlichen, werden untenstehend die bisherigen Kondratieffzyklen und ihre Basisinnovationen dargestellt:

kondratieff-zyklen

 Es existieren drei Kriterien, die eine Neuerung von einer Basisinnovation abgrenzen:

  1. Ein eng vernetztes Technologiebündel, welches die Innovationsaktivitäten einer Volkswirtschaft über Jahrzehnte entscheidend determiniert. Als Indikator dienen hier F+E- Aufwendungen. Alternativ könnten dies die Anzahl der Gründungen im IT Bereich sein.
  2. Basisinnovationen übernehmen über viele Jahre die Rolle des Motors im wirtschaftlichen Entwicklungsprozess. Als Indikatoren dienen hier die Dynamisierung der Märkte (Wachstum) und das finanzielle Volumen eines Marktes (Unbestritten, dass die Technologiefirmen gerade die Wirtschaft dominieren).
  3. Die Basisinnovation führt zu einem gesamtwirtschaftlichen Reorganisationsprozeß.

Betrachtet man diese drei Kriterien, so ist die Digitalisierung sicherlich als Basisinnovation zu betrachten.

Generell lässt sich festhalten, dass aus den Basisinnovationen zweierlei Wirkungen hervorgehen:

  • Auf der einen Seite eröffnen sich völlig neue Märkte (siehe hierzu auch Sharing Economy und Plattformen),
  • auf der anderen Seite bieten sich traditionellen Märkten durch Innovationen neue Entwicklungsmöglichkeiten (ganz besonders das Thema Industrie 4.0).

Digitalisierung und digitale Transformation als Basisinnovation

Grundsätzlich ist die Digitalisierung sicherlich als eine der Basisinnovationen zu betrachten, die die nächsten Jahrzehnte des weltweiten wirtschaftlichen Wachstums bestimmen wird. Es ist demnach zu erwarten, dass diese nächste große Welle, auf der wir uns befinden, im Wesentlichen durch digitale Technologien getragen wird.

Das Problem besteht darin, dass Deutschland von dieser Welle gar nicht partizipiert. Denn:

Die entscheidende Voraussetzung für die Entstehung und Entwicklung von Basisinnovationen liegt in der Entwicklung einer Kultur des Unternehmertums. Und innovatives Unternehmertum ist in Deutschland im Moment nicht gegeben. Die Zahl der Unternehmensgründungen geht kontinuierlich zurück. In vielen Zukunftsbranchen ist Deutschland abgeschlagen (#Sharing Economy). Ja: Es gibt auch Lichtblicke- in der Industrie 4.0 und in den Bereichen Robotik ist Deutschland Spitze.

Rahmenbedingungen für Technologiegründungen sind mies

Nur wenn eine Wirtschaft eine Kultur des innovativen Unternehmertums und die damit verbundenen Rahmenbedingungen für Technologiegründungen legt, kann Sie in der jetzigen Welle erfolgreich sein.

Und die sind nicht gegeben: Mangelnde digitale Infrastruktur, eine ausufernde Bürokratie, ein an den Menschen und deren Bedürfnissen nicht orientiertes Bildungssystem sowie fehlende Finanzierungsinstrumente behindert nachhaltig eine Steigerung der Gründerzahlen.

By the way: China macht das hervorragend. Die politische Führung hat eine ganz klare Vision für das Land vorgegeben (z.B.: 2025 Weltmarktführer in KI-Technologie) und so die richtigen Weichen für die Zukunft gestellt. Um die strategischen Ziele zu erreichen, werden Universitäten, Schulen, Start-Ups, aber auch etablierte Unternehmen umfassend gefördert. Während in Europa fleissig reguliert wird, gilt in China „laissez faire“ und maximale Freiheit für junge Technologieunternehmen. Weitere Infors in hier.

Deutschland muss die Digitalisierung und innovatives Unternehmertum als Topthema annehmen um so die nächste große Welle der wirtschaftlichen Entwicklung nicht zu verschlafen.

Mehr dazu auch im Buch „Digitaler Suizid“.

Von |2018-12-30T18:21:48+02:0019. Juni 2018|Digitale Transformation, Alle Beiträge, Unternehmertum|

Über den Autor:

Dr. Hubertus Porschen ist Geschäftsführer der App-Arena GmbH. Er war zudem Vorsitzender des Verbandes der Jungen Unternehmer (Die Familienunternehmer). Des Weiteren doziert er auf Konferenzen und Tagungen zu Themen rund ums Social Web, Digitalisierung und Innovationsthemen.