Dr. Hubertus Porschen

| Keynote-Speaker | Gründer & Unternehmer

| Experte Digitalisierung, Social-Media & Unternehmertum

| Juror beim "Digital Champions Award" der Wirtschaftswoche

| ehem. Bundesvorsitzender des Verbands "Die Jungen Unternehmer"

Innovation statt Invention: So gelingt der Weg an die Spitze

Die biotechnologische Revolution in der pharmazeutischen Industrie

Die Fähigkeit komplexe Proteinstrukturen biotechnologisch herzustellen, leitete vor etwa dreißig Jahren einen weiter anhaltenden Paradigmenwechsel von niedermolekularen Wirkstoffen hin zu großen biopharmazeutischen Molekülen, die große therapeutische Durchbrüche brachten, ein. Warum Deutschland, lange Zeit als die Apotheke der Welt wahrgenommen, in dieser Industrie bis heute eine untergeordnete Rolle spielt, hat zweierlei Gründe.

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Dilemma I: Ausverkauf ökonomischer Potenziale

Einerseits erfolgte seit Mitte der 1990er Jahre, teilweise getrieben durch die Zunahme regulatorischer Anforderungen und damit ausgelösten Konsolidierungsdruck, eine Art Ausverkauf in der deutschen Pharmaindustrie. Firmen wie Boehringer Mannheim, die Hoechst AG, Knoll Pharma oder Schering hätten der Biotechbranche ihren Stempel aufdrücken können. Man stelle sich nur einmal vor, die damals zur BASF gehörende Knoll Pharma, die das Produkt Humira® entwickelt hat, wäre nicht an die heutige Abbvie verkauft worden. Humira® steht heute für einen Jahresumsatz von 20 Milliarden US-Dollar und ist seit Jahren das mit Abstand umsatzstärkste Medikament weltweit.

Wäre nur ein Bruchteil der Gewinne, die mit diesem Produkt (und dies ist nur ein Beispiel) erzielt wurden und werden in den Forschungs- und Entwicklungsstandort Deutschland investiert worden (im Unternehmen selbst oder über Investmentvehikel in neue Biotechfirmen), so sähe der Biotechstandort Deutschland möglicherweise heute anders aus.

Dilemma II: Keine neuen Unternehmen, keine disruptive Innovation

Nun ist diese Entwicklung zwar zu bedauern, aber nicht umkehrbar, so dass der zweite Grund zum Entscheidenden wird. In Deutschland sind im Zuge des biotechnologischen Paradigmenwechsels nur sehr wenige neue Unternehmen entstanden. Es ist inhärenter Bestandteil von disruptiven Veränderungen innerhalb einer Industrie, dass diese zu allererst von innovativen Neugründungen getragen werden. In der Biotechnolgie sind diese Unternehmen (Amgen, Genentech, Biogen, Vertex, Regeneron – um nur einige zu nennen) vor allem in den Vereinigten Staaten entstanden. Und dies nicht nur in der Biotechnologie, sondern in vielen anderen Branchen. Beispielhaft sei hier noch die Informationstechnologie mit Firmen wie Microsoft, Apple oder später Alphabet und Amazon genannt. Warum dies der Fall ist, wird somit zur entscheidenden Fragestellung für die Zukunftsfähigkeit des Standortes Deutschland.

Fehlendes Risikokapital

Für diesen Sachverhalt lassen sich wiederum zwei wesentliche Gründe identifizieren. Natürlich ist Finanzierung ein wichtiges Thema. Neue Firmen brauchen Risikokapital, um ihre Geschäftsmodelle und Produkte zu entwickeln und diese am Markt durchzusetzen. Dies gilt insbesondere für kapitalintensive und hoch regulierte Branchen wie die Biotechnologie. In den USA steht absolut und relativ um ein Vielfaches mehr Risikokapital zur Verfügung. Von daher ist es richtig und wichtig auf politischer Ebene darauf hinzuwirken, dass mehr Geld in Innovation fließt. Allerdings sollte hier die Präferenz klar auf der Incentivierung von privaten Investitionen liegen. Staatliche Gelder (bspw. Innovationsfonds) können in frühen Unternehmensphasen sinnvoll sein. Die Finanzierung ganzer Produktentwicklungen, die in der Biotechnologie viele hundert Millionen Euro kosten, kann der Staat aber sicher nicht leisten. Eine Förderung privater Investitionen in innovative Unternehmen (bspw. über steuerliche Anreize) wäre daher sehr zu begrüßen.

Geld bzw. Finanzierung allein wird allerdings nicht ausreichend sein. Beleg hierfür ist, dass es durchaus institutionelle Investoren in Europa gibt, diese allerdings stark übergewichtet in US-Firmen investieren. Neben der reinen Verfügbarkeit von Wachstumskapital bedarf es insbesondere auch innovativer Unternehmen, in die investiert werden kann.

Siehe auch Rezension Claytion Christensen, Innovators Dilemma!

Es braucht einen ganzheitlichen Ansatz für mehr Unternehmertum

Der eigentliche Lösungsansatz für ein innovatives Deutschland liegt demnach in der Förderung und Ermöglichung von (innovativem) Unternehmertum. Universitäten oder Forschungsinstitute (Max Planck, Fraunhofer, Helmholtz) forschen mit an der Weltspitze. Volkswirtschaftlich entscheidend ist aber nicht die Erfindung (Invention) sondern deren Durchsetzung am Markt (Innovation). Heutige Inventionen sind so wissensbasiert und personengebunden, dass eine Durchsetzung am Markt in der Regel nur durch oder mit Einbeziehung des Erfindenden funktionieren kann. In der Konsequenz bedeutet das, dass der Wissensträger, unterstützt durch industrieerfahrene Spezialisten, zum Unternehmer werden muss. Dies wiederum stellt neue Anforderungen an die akademische Ausbildung. Denn man kann Unternehmertum lernen und die Einbindung entsprechender Module (Betriebswirtschaft, Unternehmensgründung, etc.) gerade in naturwissenschaftlichen und technischen Studiengängen ist eine zwingende Voraussetzung für akademisches Unternehmertum. Neben der Fähigkeit Unternehmer zu sein, braucht es natürlich Rahmenbedingungen, die dies ermöglichen und fördern. Und hier liegt eine weitere große Aufgabe der Politik. Bürokratische Hemmnisse wie Nebenverdienstrichtlinien oder Verbote für Professoren, Unternehmen zu gründen, behindern akademisches Unternehmertum. Patentverwertungseinrichtungen verstehen oft nicht, dass ein Patent nichts wert ist, so lange es wirtschaftlich ungenutzt bleibt. Hier wäre der bessere Weg, den Erfindern ihr geistiges Eigentum zu lassen und sich an den entstehenden Firmen zu beteiligen. Harvard und Stanford machen es vor. So entstehen neue Unternehmen, die disruptive Innovation hervorbringen und eine Volkswirtschaft zukunftsfähig machen.

Im Ergebnis steht ein sich selbsterhaltendes Innovationssystem

Erfolgreiche Unternehmer investieren wiederum in neue Unternehmen, was zu einer Art sich selbsterhaltendem (im Sinne von Niklas Luhmann autopoietischen) Innovationssystem führt. Ein solches Ökosystem, das auf Unternehmertum, erfahrenen Industriespezialisten und ausreichend Kapital basiert, entsteht nicht von heute auf morgen. Es muss sich entwickeln und hierfür braucht es die richtigen Rahmenbedingungen.

Innovation ist eine Funktion aus Unternehmertum und Finanzkapital. Diese Gleichung beschrieb Josef Schumpeter vor über 100 Jahren in seiner „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“. Es ist höchste Zeit, dass die Politik den richtigen Rahmen für Innovation setzt. Für ein innovatives Deutschland – auch in der Biotechnologie.

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Von |2019-07-23T07:59:10+02:0016. Februar 2019|Alle Beiträge, Politik und Wirtschaft, Unternehmertum|

Über den Autor:

Dr. Nicolas Combé, Vorstand/CFO, Formycon AG Dr. Nicolas Combé erwarb ein Diplom in Betriebswirtschaftslehre an der Philipps-Universität Marburg sowie das Diploma of European Management Science an der University of Kent, Großbritannien. Im Anschluss folgte in Marburg die Promotion im Fach Volkwirtschaftslehre zu Fragestellungen in der Entwicklungs- und Innovationstheorie.Im Jahr 2006 war Dr. Combé einer der Gründer der NanoRepro AG, für die er von 2007 bis 2009 als Finanzvorstand tätig war. Neben der Durchführung mehrerer Finanzierungsrunden war insbesondere der Börsengang des Unternehmens sein zentrales Aufgabenfeld. Seit 2008 ist Nicolas Combé als Mitgründer für die heutige Formycon AG tätig. Als Finanzvorstand des Unternehmens fungiert er seit dem Rechtsformwechsel des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft im Jahr 2010. Unter seiner Verantwortung konnte das Unternehmen über 40 Millionen Euro Eigenkapital einwerben sowie Projektfinanzierungen mit einem Volumen von etwa 400 Millionen Euro sicherstellen. Die Formycon AG ist börsennotiert und im Scale 30 Index der Deutsche Börse AG gelistet. Herr Dr. Combé ist zudem Mitgründer der in Marburg ansässigen Paediprotect AG.

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