Vernichtet die Digitalisierung Arbeitsplätze? Ein Kommentar

FAS Feuilleton, 24.1.2016, „Wir schaffen uns ab (Untertitel: Die nächsten Wellen der Automatisierung werden den Arbeitsmarkt umwälzen und die Ungleichheit vertiefen. Hat die Arbeit noch eine Zukunft)“! Diesen Artikel habe ich schockiert gelesen. Tenor ist, dass die Digitalisierung Arbeitsplätze kostet und die Schere zwischen Arm und Reich ausweitet.  Gefordert wird eine „Neuverteilung der Automatisierungsdividende“. Schockiert bin ich, weil er für das steht, was ich in Deutschland in Bezug auf die Digitalisierung an allen Ecken und Enden bei Unternehmen, bei Politikern und auch in der Gesellschaft erlebe: Misstrauen, Angst, Zweifel, Rückwärtsdenken und für all das, für das andere Länder, die uns hier weit überlegen sind, stehen: Mut zu Innovation, Risiko und eine positive, zukunftsweisende Grundeinstellung und Lösungsbereitschaft. Wir müssen eine zukunftsgerichtete und lösungsorientierte Denke entwickeln, unter Berücksichtigung der Risiken- aber auch der Chancen- unter Betrachtung der Schwächen- aber auch der Stärken!

Jetzt mal in 2 Sätzen, was Digitalisierung bedeutet!

Die Digitalisierungswelle ist die vierte industrielle Revolution, in der der Treiber die technologische Entwicklung ist, inklusive der omnipräsenten Vernetzung, der Generierung von Daten und die der Konsumenten selber. Für Unternehmen bedeutet das die Optimierung von Strukturen, Prozessen und Unternehmenskulturen unter der Zielsetzung eines effizienteren Ressourceneinsatzes und einer Steigerung der Wertschöpfung.

Soweit doch eigentlich ein alter Hut! Mussten ökonomische Akteure nicht schon immer versuchen, Ihre Wertschöpfung zu steigern um wettbewerbsfähig zu bleiben? Ist die Optimierung von Strukturen, von Prozessen und Kulturen in Unternehmen wirklich neu? Weil: Am Ende des Tages geht es genau darum: Strategie, Organisation, Prozesse und Kultur! Und zwar um eine fortlaufende Optimierung. By the way: Der Begriff der Transformation steht für ein Anfang und ein Ende. Digitalisierung ist allerdings ein dauerhafter Prozess.

Vernichtet die Digitalisierung nun Arbeitsplätze? Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte!

Ein kurzer Blick in die Geschichte

Wenn wir Digitalisierung als die vierte industrielle Revolution betrachten, was haben dann die anderen Revolutionen ausgelöst? Haben Sie Arbeitsplätze vernichtet?

  • Industrie 1.0 (1770): Dampfmaschine: Maschinisierung und Automatisierung. Webstühle vereinfachen das Arbeiten. Neue Bereiche der Industrie werden erschlossen: Kohleabbau, Schwerindustrie, Textildruck. Schaffung zahlreicher Arbeitsplätze.
  • Industrie 2.0 (1880): Fliessband, Massenproduktion. Elektrizität als Antriebskraft beschleunigt Arbeitsprozesse. Telefone und Telegramme führen zu neuer Kommunikationskultur. Gesamtgesellschaftliche Wohlfahrtsgewinne.
  • Industrie 3.0 (ab 1955): Automatisierung Informationstechnologie und Elektronik. Mitte der 1970 er Computisierung. Erhöhung des Lebensstandards
  • Industrie 4.0 (21. Jahrhundert): Informatisierung der Fertigungstechnik und Digitalisierung der Maschine zu Maschine Kommunikation. Der neue Rohstoff sind Informationen und Daten.

Natürlich ist das hier ein idealtypischer Blick auf die Historie der stark vereinfacht ist. Aber lassen wir diese grundlegenden Prozessänderungen Revue passieren so lässt sich Folgendes nicht konstatieren:

  • Verlust von Arbeitsplätzen
  • Auseinanderdriften der Schere zwischen Arm und Reich
  • Gesamtgesellschaftliche Wohlfahrtsverluste
  • Verschlechterung der Lebensbedingungen

What´s the difference?

Warum sollte dies nun anders sein? Diese Frage beantwortet der Artikel nicht und beantworten auch nicht die an der Digitalisierung in Deutschland angebrachten Kritiken. Ist es nicht eher so, dass unsere Gesellschaft durch einen zwanghaften Pessimismus, eine Bewahrung des Status Quo und ablehnende Grundhaltung gekennzeichnet ist?

Warum sollte ein selbstfahrender Traktor zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen führen? Er führt sicherlich zu einer Verringerung der Arbeitszeit und einer Notwendigkeit der Reform der zu erlernenden Kompetenzen. Aber ist das negativ?

Verschiebung der Produktionsmittel: Auf jeden Fall!

Ich stimme der Haltung zu, dass es eine Verschiebung der Produktionsmittel gibt- allerdings nicht hin zum Kapital sondern zum Faktor Wissen. Sind nicht die produzierenden Industrien die, die hohen Kapitaleinsatz bedingen? Ist es nicht die „Sharing Economy“, die eine nicht-kapitalintensive Innovation ermöglicht? Wer sind die Unternehmer unserer Zeit: Zuckerberg, Jack Ma, Bill Gates, Richard Branson! Hatten Sie nur die Möglichkeit ihre Idee mit bestehendem Kapital umzusetzen? Eher nicht. Sie haben das Kapital akquiriert in einem ordnungspolitischen Rahmen, der Ihnen dies möglich gemacht hat. Sollten wir nicht darüber nachdenken, wie wir diese Rahmenbedingungen schaffen um unser aller Leben zu verbessern?

Vor Allem aber sollten wir hieraus den Schluss ziehen, dass bei einer Verschiebung der Kompetenzen und einem Verlust von Arbeitsplätzen das Konzept des lebenslangen Lernens eine ganz andere Bedeutung bekommt. Lernen hört nicht nach der Schule oder der Universität auf sondern ist ein kontinuierlicher, dauerhafter Prozess, den auch bzw. nicht zuletzt die Unternehmen fordern und fördern müssen! Oder wie Laotse sagt: „Alles fliesst“!

Nur keine Lösung „You can´t win if you don´t play“

Was mich am meisten ärgert an der Diskussion (und das gilt eigentliche für alle Diskussionen): Wenn kritisiert wird, bemängelt wird, besitzstand-gewahrt-wird, aber keine Auswege oder Lösungsansätze diskutiert werden. Der einzig positive Aspekt dieser Skepsis liegt darin, dass er überhaupt darüber spricht.

„Wir schaffen uns ab“ wenn wir nicht umdenken! Wir schaffen uns ab, wenn wir uns der Innovation verweigern. Und ja: Es gibt sie auch: Die negativen Folgen dieser vierten industriellen Revolution. Und ja: Wir müssen darüber sprechen: Über Cyberkriminalität, über Normen und Werte, über die Folgen für unser ethisches Verständnis. Aber bitte nicht in dem wir Angst schüren und verweigern! Weil wir den Fortschritt nicht aufhalten. Weil wir die Digitalisierung nicht aufhalten. Aber: Profitieren wir davon oder sind wir auf der Seite der Verlierer?

Von | 2018-05-31T17:58:02+02:00 29. Januar 2016|Alle Beiträge, Digitale Transformation|

Über den Autor:

Dr. Hubertus Porschen ist Geschäftsführer der App-Arena GmbH. Er war zudem Vorsitzender des Verbandes der Jungen Unternehmer (Die Familienunternehmer). Des Weiteren doziert er auf Konferenzen und Tagungen zu Themen rund ums Social Web, Digitalisierung und Innovationsthemen.

Ein Kommentar

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