Sturm auf die Bastille: Was Deutschland von den Gelbwesten lernen kann

Sonntag abend, Anfang Dezember 2018: Ich fahre von Belgien nach Frankreich Richtung Bretagne. Dann: Stau. Aber kein Unfall- sondern „Gelbwesten“ haben ein Feuer an der Grenze entzündet und die Spur verengt. Alles ganz entspannt, obwohl „der Deutsche“ (in dem Falle ich) geneigt ist, zu sagen: Hey löschen! Gefährlich. Hat ja auch etwas Apokalyptisches. Aber egal. Am nächsten Morgen möchte ich tanken, da wir den Tip erhalten haben, dies schleunigst zu machen. An den Tankstellen sind Schlangen. Benzin bzw. das Tanken wird begrenzt. Für maximal 20 € darf getankt werden. Und überall stehen Sie: Die Gelbwesten. In der Mehrzahl friedlich protestierende Menschen. Wer sind sie, warum protestieren sie und was können wir von Ihnen lernen?

Warum protestieren die Gelbwesten?

Auslöser für die größten Proteste seit Macrons Amtsantritt ist die Einführung einer neuen Spritsteuer. Vor allem in den Peripherien und ländlichen Gebieten sind viele Franzosen auf ihr Auto angewiesen – Zugverbindungen und öffentlicher Nahverkehr sind weniger stark ausgeprägt. Die Arbeitslosigkeit auf dem Land ist hoch- auch bei den arbeitenden Menschen kommt nicht genug an- schliesslich steigen die Lebenshaltungskosten unaufhörlich.

Ein in Frankreich extrem unbeliebter Macron (auch wenn er viele richtige und notwendige Reformen in Frankreich anstösst) schafft es mit seiner Kommunikation, die Menschen täglich vor den Kopf zu stossen. Beispiel: Einem Mann, der keine Arbeit seit vielen Jahren findet, rät er öffentlich, richtig zu suchen und „wenn er über die Strasse gehe, finde er etwas für Ihn“. Das zeigt schön, wie weit sich die Politik vom der arbeitenden Mitte entfernt hat. Erst wurde den Menschen erzählt, Sie sollen Diesel Autos kaufen, nun soll die Bevölkerung E-Autos kaufen. Doch wie die Anschaffungskosten bestreiten?

Wer sind die Gelbwesten

Neu ist: Es sind nicht die Arbeitslosen, die Abgehängten, die hier protestieren, sondern es ist die Mittelschicht, mit der sich landesweit ganze Teile der Bevölkerung aus allen Schichten solidarisieren. Die unteren und mittleren Gesellschaftsschichten sind diejenigen, die sich nicht mit neuen Sozialleistungen oder einem bedingungslosen Grundeinkommen zufrieden geben wollen. Sie wollen nur eins: gerecht bezahlt werden und würdig von ihrer Arbeit leben. Das scheint im Moment nicht möglich.

Überall in den Windschutzscheiben finden sich gelbe Westen. Ein Zeichen: „Wir verstehen euch“. Ähnlich wie an den Tankstellen oder Grenzübergängen spürbar, gibt es keinen Groll gegenüber den Protestierenden, wenn man auch selbst kein direkter Bestandteil sein möchte.

Wofür stehen die Gelbwesten

Die Spritsteuer ist der Auslöser der Proteste gewesen. Sie sind Ausdruck der steigenden Lebenshaltungskosten, einer stärkeren Spaltung der Gesellschaft. Nun kommen täglich neue Inhalte hinzu: Gegen Macron, gegen die Regierung, gegen die Eliten. Völlig normal bei einer solchen Bewegung, die nicht zentral gesteuert wird, sagen viele Franzosen.

Hintergrund: Von der horizontalen in die vertikale Spaltung

Macrons Aufstieg war fast kometenhaft. Er wurde von einer Welle getragen. Innerhalb einer sehr kurzen Zeit konnte er eine komplett neue Bewegung gründen und Menschen begeistern (ähnlich dem Schulz-Zug innerhalb der SPD) Nun bekommt er einen Dämpfer. Ein Abstieg scheint da nur naturgemäß. Viel interessanter ist allerdings, dass er das Land immer mehr spaltet und große Teile der Bevölkerung gegen sich aufbringt. Es gibt immer weniger eine Spaltung zwischen Links und Rechts sondern viel mehr eine Spaltung zwischen Elite und Normalbürger. Er repräsentiert die Elite. Die Menschen, die auf dem Land leben und von vielen Globalisierungserrungenschaften nicht profitieren, sind für Ihn nicht oder zu wenig existent. Wirtschaftstheorien bezahlen keinen Sprit und bezahlen nicht die monatlichen Rechnungen. Es ist dringend notwendig, die Kommunikation zu ändern um die aufkommende vertikale Spaltung zu verhindern.

Was können wir lernen von den Gelbwesten?

Als etwas biederer Deutscher, dem die Protestkultur sicherlich nicht in die Wiege gelegt wurde, merke ich grade wie neidisch ich auf die Protestkultur der Franzosen bin.

  • Ja- die Inhalte sind nicht perfekt ausdifferenziert.
  • Ja- es ist nicht deutlich worum es geht.
  • Ja- es gibt keine oder weniger Lösungsvorschläge

Es ist allerdings ein Weckruf: Die Macht geht am Ende des Tages immer noch vom Volke aus. Nicht von „denen da oben“. Es ist auch ein Zeichen davon, dass man sich wehren kann. Das muss nicht immer der Sturm der Bastille sein. Das kann auch eine friedliche Präsenz sein. Das kann eine Solidaritätsbekundung sein. Das ist ein Engagement, Samstagnacht auf der Autobahn. Ein Signal. Wenn ich mich nicht beschwere, wie soll der Adressat dann merken, das etwas nicht stimmt? Nur so funktioniert Demokratie. Allein darauf zu vertrauen, dass die Regierenden (gerade in Deutschland!) es schon richten, ist naiv.

Und die französische Regierung merkt das. Aus Angst vor weiteren Aktionen wurden die Bürger aufgefordert, zu tanken. Die Regierung sucht das Gespräch. Macron sagt Staatstermine ab. Vielleicht muss man neben den vermeintlich großen auch erst einmal die „kleinen“ Fragen klären. Die Regierung muss reagieren. Und ich bin mir sicher: Sie wird!

In Deutschland haben wir übrigens ähnliche Anzeichen, einer Politik, die zunehmend die Bodenhaftung verliert. Friedrich Merz, womöglich nächster Kanzler, sieht sich als Multimillionär, der gehobenen Mittelschicht zugehörig. Er empfiehlt auch den Ärmsten die Altersvorsorge mit Aktien. Schwierig. Sind das wirklich die Antworten auf die großen Fragen?

Wann gehen wir auf die Strasse? Sind wir so satt, dass wir nicht einmal mehr wirklich für unsere Interessen einstehen können? Unsere Politik versäumt es gerade eine Zukunftsagenda aufzustellen. Als Hightechnation verliert Deutschland immer mehr den Anschluss an die Spitzenkräfte USA und China. Die großen Probleme der Zeit werden nicht aktiv angegangen. Also: Ziehen wir auch bald „gelbe Westen an“? oder, und in dem Fall zitiere ich eine Kölner Band: „Arsch huh und Zäng useinander“!

Von | 2018-12-08T18:23:10+01:00 4. Dezember 2018|Alle Beiträge, Politik und Wirtschaft|

Über den Autor:

Dr. Hubertus Porschen ist Geschäftsführer der App-Arena GmbH. Er war zudem Vorsitzender des Verbandes der Jungen Unternehmer (Die Familienunternehmer). Des Weiteren doziert er auf Konferenzen und Tagungen zu Themen rund ums Social Web, Digitalisierung und Innovationsthemen.

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