Stolz auf Özil: Kommentar zur Özil Affäre

Ich nehme eine vorweg: Ich bin kein Erdogan Fan. Auch kein Gauland Fan. Im Gegenteil: Ich finde beide sind mit sehr viel Vorsicht zu geniessen (um es mal vorsichtig zu formulieren). Und der allergrößte Özil Fan war ich noch nie. Zack. Damit teile ich die Meinung von im Moment gefühlten 99 Prozent der Deutschen.

Und trotzdem möchte ich sagen, verstehe ich Özil in der Affäre um sein Foto mit Erdogan zu 100 %. Nicht erst nach dem Statement zu vom 22.7.2018 sondern unmittelbar nach dem Foto. Ich hatte seitdem viele emotionale Debatten mit Freunden und Bekannten. Ich bin erschrocken über die vielen Kommentare. Das Problem ist nicht Özil. Das Problem an der Debatte ist viel tiefgreifender.

Klar ist: Özil hätte sicherlich kommunikativ Einiges besser machen können. Klar. Ohne das ich nun jemandem meine Meinung aufdrängen möchte, schreibe ich diese Zeilen jetzt aber ganz unaufgeregt, was nicht bedeutet, dass anderweitige Meinungen falsch sind.

Schluss mit Stammtisch-Parolen

Ich mag es, wie bspw. Buffon (ehemaliger Nationaltorwart Italiens) inbrünstig die Nationalhymne mitsingt. Auch die Argentinier und  Brasilianer geben beim Mitsingen immer richtig Gas. Das kommt an den Stammtischen richtig gut an. Aber sind Sie deswegen bessere Sportler oder gar bessere Patrioten (sagt man das so?). Stammtischparolen bieten zumeist einfache Lösungen für- sorry- einfache Menschen. Stammtisch ist das Gegenteil von Differenzierung. Stammtisch ist „man muss doch mal sagen dürfen“ oder „ganz ehrlich“ oder „ich habe ja nichts gegen, aber…“

Es widert mich an. So einfach ist die Welt halt leider nicht.

Der Deutschtürke Özil: The only one?

Ohne das ich Özil persönlich kenne, teilt er das Schicksal von Millionen Deutsch-Türken. Er ist Deutscher mit türkischer Abstimmung. Er ist Deutscher. In Gelsenkirchen geboren. 2007 hat er seine türkische Staatsbürgerschaft abgelegt um eingebürgert zu werden. Özils Wurzeln, seine Familie- die liegen in der Türkei. Ich denke, dass das normal ist. Habe ich doch viele türkische oder auch italienische Freunde, die ebenfalls in Deutschland geboren sind, aber durch Ihre Eltern einen starken Bezug zu einem zweiten Land haben. Özil selbst sagt, dass er zwei Herzen hat. Er hat von seiner Mutter gelernt, seine Wurzeln nicht zu vergessen. Und das ist gut so. Ein wahrer Wert.

Özil ist aber vor allem Eines: Er ist ein Mensch und er ist von Beruf Fußballer. Er ist Fußballer. Und ein verdammt Guter. Ob mit Erdogan oder ohne.

Sind wir inzwischen so abgestumpft, dass wir nicht akzeptieren können, dass ein Herz für zwei Nationen schlägt. Darf Özil nicht auch als Deutscher so wie Millionen andere auch Türke sein?

Meine Antwort ist ja.

Aber mit Erdogan treffen? Geht das in einer Demokratie?

Ja. Erdogan ist ein Autokrat. Er hat nicht dasselbe Demokratieverständnis, dass ich habe. Er ist aber demokratisch gewählt. Politiker unseres Landes treffen sich mit Ihm und lassen sich ablichten. Nicht nur Altkanzler sondern auch die Kanzlerin trifft Erdogan. Und dann einem Fußballer mit türkischen Wurzeln das verbieten? Özil sagt, dass er Respekt vor dem politischen Amt hat. Das ist ein wahrer Wert. Respekt vor dem Amt eines demokratisch gewählten Politikers. Davon können sich die Pegida-Weltverschwörer eine Ecke abschneiden. Respekt vor dem Amt, sich für ein Land aufzuopfern. Merkel hat einmal gesagt, es ist immer besser mit jemandem zu reden als über jemanden zu reden. Sehe ich genau so. Sie lebt es vor. Und Özil?

Der ist Fußballer. Kein Politiker. Es ist sein gutes Recht, Erdogan zu treffen. Ja! Es ist sein Präsident, genau so wie er auch der Präsident der Millionen Deutschen ist, die türkische Wurzeln haben.

Das ist für Viele schwer verständlich, muss man dafür doch ein Stück weit differenzieren und war vermutlich selber noch nicht in der Lage. Es gibt kein Schwarz und Weiss.

Und ja: Was wäre, wenn sich Manuel Neuer sich mit Gauland treffen würde? Das fände ich nicht toll. Aber auch Der ist gewählt. Und wenn das eine Demokratie nicht abhaben kann, dann weiss ich es auch nicht! Und der ist nicht Präsident oder Kanzler.

DFB und Pressevertreter sollten sich schämen

Ich möchte gar nicht über die reden, die ich sowieso nicht ernst nehmen kann: Die Baslers, die seit Jahren durch dumpf-prollige Sprüche auffallen. Viel schlimmer ist das Krisenmanagement des Deutschen Fußball Bundes. Funktionäre, die sehr gut dafür entlohnt werden, die integrative Komponente des Sports auch in der Gesellschaft zu fördern, haben die Aufgabe, strategische Entscheidungen zu treffen und sich hinter „Ihr Team“ zu stellen.

Von Unterstützung für einen der wichtigsten deutschen Spieler, auf den eine Hetzjagd ohnesgleichen unternommen wurde, keine Spur (Mit Didi Hamann hat zumindest ein Prominenter Stellung für Özil bezogen). Von Rückendeckung, von Beratung des Spielers von einem Statement der „Präsidiums-Granden“ oder auch des Team-Managers, keine Spur.

Aber am Größten war für mich die Reaktion vieler Journalisten. Menschen, die dafür bezahlt werden, zu reflektieren, pro und kontra abzuwägen, von allen Seiten zu beleuchten. Sie haben sich im Zuge der WM und des dann immer aufkommenden Nationalstolzes dankbar der Meinungen der Stammtische angeschlossen.

Und wo sind die Liberalen? Sollten nicht die wenigstens eine Lanze für Özil brechen? Ich habe nichts gelesen. Ausser Armin Laschet hat sich niemand wirklich öffentlich für Özil stark gemacht oder zumindest Mühe gegeben eine andere Perspektive aufzubringen.

Das Problem ist viel Tiefgreifender

Lassen wir Özil aussen vor und schauen uns den Gewinn des Weltmeistertitels für die Franzosen an. Welche widerlichen Bilder gingen um die Welt und waren in sozialen Netzwerken zu finden, in den „ganz normale Menschen“ auf einmal Bilder teilten, in denen schwarze Spieler zu sehen waren mit dem Kommentar „Glückwunsch, Kamerun“. Das ist so mit das Abstossendste und Dümmste, was ich jemals gesehen habe. Es drückt ein tiefes Missverständnis aus, welches Viele in Deutschland noch mit sich herumtragen: Das sind keine Migranten, das sind Franzosen!

Zurück zu Özil: So habe ich häufig genug den Spruch gehört: „Soll er doch zurück zu Erdogan gehen.“ Für mich ist das Rassismus. Nichts Anderes.

Und das zeigt ja auch die gesamte Migrationsdebatte, die wir in Deutschland und auch in Europa haben: Ein Stück weit Menschlichkeit haben wir verloren. Das hat Gauland und die AFD tatsächlich geschafft: Tabus gebrochen.

Das Statement von Özil ist grandios. Ich empfehle Jedem, dies in voller Länge und möglichst unvoreingenommen zu lesen.
Und ich habe wirklich keinen Bock mehr auf Stammtischparolen, durchsetzt mit rassistischem Gesabbel. Da bin ich jetzt intolerant. Auch wenn ich weiss, dass ich für dieses Statement erst mal keinen Applaus bekomme.

Das Özil Statement hier in voller Länge:

http://www.spiegel.de/sport/fussball/nach-erdogan-affaere-das-oezil-statement-im-wortlaut-a-1219615.html

 

Von | 2018-07-23T07:39:13+02:00 22. Juli 2018|Alle Beiträge, Politik und Wirtschaft|

Über den Autor:

Dr. Hubertus Porschen ist Geschäftsführer der App-Arena GmbH. Er war zudem Vorsitzender des Verbandes der Jungen Unternehmer (Die Familienunternehmer). Des Weiteren doziert er auf Konferenzen und Tagungen zu Themen rund ums Social Web, Digitalisierung und Innovationsthemen.

7 Kommentare

  1. Armin Weltersbach 23. Juli 2018 um 0:01 Uhr - Antworten

    Danke – großartiger Beitrag! Unterstreiche jeden einzelnen Satz. Und applaudiere übrigens ebenfalls den klugen Gedanken von Mesut Özil in seinem Statement, als auch seinem soeben verkündeten Entschluss die Nationalmannschaft zu verlassen bzw. den blutleeren DFB Apparatschiks den Rücken zu kehren. Ihnen, Herr Porschen, wünsche ich die erforderliche Standhaftigkeit und Wortmacht, um den – wohl – zu erwartenden Gegenwind in frische Luft zu verwandeln.

    • hubertush 23. Juli 2018 um 7:40 Uhr - Antworten

      Herr Weltersbach, vielen Dank. Den Gegenwind merkt man schnell. Habe ich aber auch mit gerechnet.

  2. Wolfgang Adelhardt 23. Juli 2018 um 9:58 Uhr - Antworten

    Ich würde nicht jeden einzelnen Satz unterstreichen, schon gar nicht, dass Herr Erdogan demokratisch gewählt wurde. Die massive Behinderung der Ausübung des Wahlrechts und der Pressefreiheit im Rahmen der jüngsten Wahlen in der Türkei lässt sich mit meinem Demokratieverständnis jedenfalls nicht in Einklang bringen. Entsprechend ist aus meiner Sicht auch die Frage berechtigt, warum sich Mesut Özil mit Recep Erdogan hat ablichten lassen. Genauso gut hätte die Frage schon vor einiger Zeit, nämlich kurz nach der Veröffentlichung der Aufnahmen beantwortet werden können, zumindest mit der jetzigen Erklärung, dass dies allein aus Respekt vor seiner Familie und dem Amt des Präsidenten der Türkei erfolgt sein soll.

    Schon immer habe ich mich gefragt, welchen Einfluss das Foto auf die Leistung des Fußballers Mesut Özil und auf die Einstellung des Deutschen Mesut Özil haben soll. Insofern wirft die um das Foto geführte Diskussion ein leider bemerkenswert schlechtes Licht auf die deutsche Gesellschaft, den DFB und die Nationalmannschaft, die allesamt leider kein Verständnis für Mesut Özil gezeigt haben, sondern brav dumpfe, braune Parolen von sich gegeben haben, die leider dem aktuellen Zeitgeist zu entsprechen scheinen.

    Insofern finde ich die Kritik am Verhalten des DFB gut und richtig, die Diskussion um die unterschiedliche Beurteilung der Integration von Mesut Özil im Falle des Gewinnens und Verlierens für unsere Gesellschaft immens wichtig (die es so leider auch in anderen Gesellschaften gibt (und machen wir uns nichts vor, Mesut Özil ist längt Kosmopolit und seiner Gelsenkirchener Herkunft Gott sei Dank entwachsen)), aber ebenso die Kritik an Recep Erdogan nach wie vor für berechtigt, die übrigens (hoffentlich) geäußert wird, wenn sich andere Politiker mit Recep Erdogan aus dem Respekt vor dem Amt des Präsidenten der Türkei treffen.

    • hporschen 23. Juli 2018 um 10:22 Uhr - Antworten

      Danke- werde ich mal reflektieren.

      • Ukhara 26. Juli 2018 um 9:11 Uhr - Antworten

        Hätte Özil sich auch mit Erdoğan fotografieren lassen wenn Verwandtschaft, Freunde von ihm in den Knast geschickt worden wären.?

        • hubertusp 26. Juli 2018 um 11:27 Uhr - Antworten

          Vermutlich nicht. Nur um eins klar zu stellen: Das Foto finde ich auch nicht toll. Die Verhältnismäßigkeit der Kritik an dem Foto ist nur verloren gegangen.
          Alles andere habe ich im Artikel zu schon beschrieben. Hauptkritik und Intention meines Beitrages war es auf den immer stärker werdenden Rassismus in unserer Gesellschaft hinzuweisen

  3. Martin Reetz 23. Juli 2018 um 11:12 Uhr - Antworten

    Glückwunsch Herr Porschen, zu dieser überaus treffenden Analyse. Sie sprechen mir aus der Seele – als Staatsbürger und als Fußballer. Diese ganze unwürdige und aufgeregte Diskussion über den in der Tat sicher unglücklichen Fototermin mit Erdogan, zeigt vor allem die Gründe für das latente Scheitern vernünftiger Integration und das große Problem, das wir Deutschen offenbar immer noch mit nationaler Identität und Nationalstolz verbinden. Besonders tragisch ist, dass der DFB nicht dem Fußball und „seinen“ Spielern beispringt und den Rücken stärkt, sondern den Spaltern – die mit unserem Sport nichts zu tun haben, das Wort redet. Reinhard Grindel hat den Fußball und dessen integrative Wirkung in Deutschland nachhaltig beschädigt. Mehr Rücktrittsgründe kann es für den Präsidenten eines Fußballverbandes eigentlich nicht geben.

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