Jenseits von gut und böse

Politische Prozesse sind häufig auf Machterhalt ausgelegt. Das bringt das System mit sich. Politiker denken in Wahlperioden. Sie sind daher kurzfristig orientiert. Wenn wir uns das vor Augen halten, verstehen wir einen Trump besser- aber auch einen Seehofer oder Söder. Aus deren Perspektive (kurzfristig) sind deren Handlungen durchaus nachvollziehbar. Für uns Bürger, Wähler eher schwierig nachvollziehbar.

Es ist nur symptomatisch, wenn 39 % der Befragten auf die offene Frage, was das größte Problem in Bayern sein, antworten, dass es die CSU sei. Auf der anderen Seite sinkt das Vertrauen in die Kanzlerin Deutschland merklich. Ihre Stellvertreter und die Wirtschaftsverbände stehen zwar noch hinter ihr, aber das Geraune wird lauter. Wie passt das zusammen?

Die Politik entfernt sich zunehmend von der Lebenswirklichkeit der Menschen. Es ist Ihre Aufgabe, Probleme, Herausforderungen zu meistern, zu lösen und nicht, diese erst zu schaffen. Die Flüchtlingsdebatte ist wichtig, sie muss geführt werden- aber bitte sachlich und mit Augenmaß. Wir müssen wieder die Treppe hochgehen, entemotionalisieren, stabilisieren. Wir als Bürger- aber allen voran die Politik.

Der Egotrip der bayrischen Machos

Seehofer und Söder fahren einen Egotrip, der seinesgleichen sucht. Das ist weder konstruktiv noch lösungsorientiert. Sie sind wie „pubertierende Jungs“ oder „zwei charakterlose Gesellen“ (Thomas Sattelberger), die gar nicht mehr wahrnehmen, wie sehr sie sich blamieren.

Einzug in Berlin, Kameras! Sonntag 15 Uhr, Krisensitzung CSU Bayern, Seehofer sah lange nicht mehr so gesund und fit aus. Böse Zungen könnten denken, dass diese Aufmerksam gut tut. Egal um welchen Preis. Wirklich wichtige Themen gibt es nicht. Sie werden ausgeblendet oder nicht erkannt.

Die wirklichen Probleme werden nicht angepackt

Es gibt dringende Herausforderungen zu meistern.

Renten/demografischer Wandel: Waren es 1960 noch 6 Arbeitnehmer, die auf einen Rentner kamen um dessen Rente zu finanzieren, sind es im Moment noch 3, 2030 sind es 2. Die gleichzeitigen Rentenerhöhungen (ab heute mit 3,2 % die größte der letzten 20 Jahre), Mütterrente und weitere teure Versprechungen der Bundesregierungen tragen nicht dazu bei, das Besserung in Sicht ist.

Digitalisierung: Es gibt immer noch keine zufriedenstellende (Digital-) Vision für das Industrieland Deutschland. Eine schlechte digitale Infrastruktur, keine digitale Verwaltung und keine digitale Aufbruchstimmung.

Bildung/Gründung: Es ist an der Zeit, eine neue Gründerzeit einzuläuten. Deutschland braucht Innovationen. Dafür benötigen wir Neugründungen. Die Voraussetzungen sind im Prinzip extrem gut. Als Produktionsland (und Nicht-Industrieland wie bspw. Großbritannien) sind wir nicht nur auf digitale Produkte angewiesen. Es gäbe eine tolle Chance, die Vorteile der Plattformökonomie mit denen eines produzierenden Landes wie Deutschland zu verbinden. Es gibt eine tolle Chance, die Hidden Champions mit jungen digitalen Unternehmen zu verbinden.

Steuersenkungen: es ist an der Zeit, wie man so schön sagt, den „Menschen etwas zurückzugeben“. Steuererleichterungen wären naheliegend. Pustekuchen. Nicht einmal der Solidaritätszuschlag wird abgeschafft. Und auch sonst sind wenig Bestrebungen zu erkennen, trotz sprudelnder Einnahmen, ernsthaft dafür Sorge zu tragen, dass der Anteil der Lohnnebenkosten endlich wieder sinkt. Lieber wenige Regeln, die für alle gültig sind, als viele Einzellösungen, die eigentlich nur zu Marktverzerrungen führen (Baukindergeld)?

Wo bleiben längst überfällige Reformen im Bildungssektor? Wo liegt die Vision für Europa? Wie können Deutschland und Frankreich als gemeinsame Achse den Rest einfangen. Diese und andere Fragen sind nicht leicht zu beantworten. Sie erfordern Zeit. Intelligenz. Kluges Personal.

Alles schwierig, wenn man nur an sein kleines Glück, seinen Machterhalt denkt. Zeit fürs Wesentliche bleibt dann auch nicht. Schlittert man doch von Krisentreffen zu Krisentreffen. Reagiert man, statt zu agieren.

Die Attitüde dieser Machtmenschen ist nicht mehr erträglich. Jenseits von gut und böse eben. Fangt endlich an, für euer Land zu arbeiten, nicht gegen einzelne Personen.

 

Von | 2018-07-15T13:55:25+02:00 1. Juli 2018|Alle Beiträge, Politik und Wirtschaft|

Über den Autor:

Dr. Hubertus Porschen ist Geschäftsführer der App-Arena GmbH. Er war zudem Vorsitzender des Verbandes der Jungen Unternehmer (Die Familienunternehmer). Des Weiteren doziert er auf Konferenzen und Tagungen zu Themen rund ums Social Web, Digitalisierung und Innovationsthemen.

Ein Kommentar

  1. Daniel 2. Juli 2018 um 8:47 Uhr - Antworten

    Kurz auf den Punkt gebracht! Eine gute Darstellung über die machtorientierte Verlagerung der Politik…

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