Wie uns die Digitalisierung den Gar aus macht

Meines Erachtens ist die Digitalisierung im Moment die größte Herausforderung und auch wenn ich es ungern sage, die größte Gefahr, die unser Land im Moment hat. Deutschland ist nicht gut aufgestellt, weder von der Infrastruktur, noch im Bildungssektor und vor allem nicht im Mindset.

Migration, demographischer Wandel, Energiepolitik– alles Peanuts, im Gegensatz zu dem was die Digitalisierung an tiefgreifenden Lebenseinschnitten mit sich bringt.

Die Gleichung ist einfach: Wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Stabilität korrelieren positiv. Bleibt der Erfolg aus, kann die gesellschaftliche Stabilität nicht mehr gewährleistet werden.

  • Warum gibt es in Deutschland keine Facebooks und Google´s? SAP ist das einzige Technologieunternehmen in Deutschland, das halbwegs mit den Großen mitspielen kann, auch wenn SAP sicherlich nicht die Zukunft gehört.
  • Warum gibt es so wenige innovative Neugründungen in Deutschland?

Es gibt vier zentrale Gründe, die eine umfassende Digitalisierung in Deutschland verhindern.

Keine digitalen Kompetenzen

Unser Bildungssystem (siehe auch: weltbeste Bildung) ist nicht darauf ausgelegt, die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes im Jahr 2018 abzubilden.

Das beginnt bei einem ökonomischen Grundverständnis, geht über unternehmerische Kompetenzen (z.B. Veränderungs- und Risikobereitschaft, Visionsbildung, Kapitalakquise) über technische Fähigkeiten (Programmierung) bis hin zu Salesmanship (Folge ist das “knowing-doing gap“. Forschung und Entwicklung in Deutschland sind toll und gut- die Umsetzung wird meistens von anderen übernommenàsiehe mp3 Format).

Veraltete Lehrpläne und das föderale System sorgen immer noch für Wissensvermittlung statt wirklicher Kompetenzvermittlung. Ohne eine umfassende Modernisierung bzw. einen kompletten Neubeginn in der Lehrerausbildung wird Deutschland den Anschluss an andere Technologienationen verlieren.

Ein konkretes Beispiel aus dem Bereich Marketing: Ich habe während meines klassischen BWL-Studiums das 4 P Modell gelernt. Lauter Theorie, ganz wenig Praxis. Menschen unter 35 Jahren konsumieren mehr Netflix und Youtube als klassisches Fernsehen. Möchte ich diese erreichen, brauche ich Online-Marketing Kompetenzen. Was ist ein Sales-Funnel, wie unterscheidet sich der Facebook-Algorythmus vom Instagram-Algorythmus (die übrigens auch den News-Feed bestimmen)? Warum werden mir welche Buchempfehlungen bei Amazon empfohlen?

Diese und andere Fragen werden nicht ansatzweise in unserem System diskutiert, geschweige denn beantwortet. Dabei sind sie elementar, nicht nur um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, den Fachkräftemangel zu beseitigen sondern auch zur Wahrung der gesellschaftlichen Stabilität.

Keine digitale Infrastruktur: Vom Führer zum Folger.

Infrastruktur galt bis dato als eine der Kernaufgaben des Staates. In Deutschland haben wir nicht nur ein Problem bei der Aufrechterhaltung einer physischen Infrastruktur sondern auch und vor allem bei der digitalen Infrastruktur. Beim Breitbandausbau (1,2 % der Breitbandverbindungen in Deutschland sind Glafaser) und bei der WLAN Infrastruktur muss ein Land, was sich selbst als hochindustrialisiertes Innovationsland bezeichnet Führer statt Folger sein. Gerade der ländliche Raum, der sich auf der einen Seite dadurch auszeichnet, die „hidden champions“ zu beherbergen und auf der anderen Seite mit der Herausforderung der ständigen Landflucht zu kämpfen hat. Beide Aspekte führen verstärkt dazu, dass die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Wirtschaft gefährdet ist. Sollte es nicht vielmehr im Sinne der Politik sein, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass auch im ländlichen Raum innovative Unternehmensgründungen ermöglicht werden. Bemühungen sind bis auf leere Worthülsen leider sehr wenig zu erkennen.

Betrachtet man die digitale Infrastruktur in Deutschland, so muss man konstatieren, dass wir ein Entwicklungsland sind.

Kein digitales Mindset

„Digitales Mindset“ ist ein großes Wort. Eine Definition könnte die Summe aller Verhaltensmuster in Bezug auf die Digitalisierung sein. Die Neugier, die Veränderungsbereitschaft.

Meine Meinung: Letztlich geht es um eine Ergänzung der in Deutschland historisch gewachsenen Null-Fehler Kultur. Das ist schön und gut. „Fail Fast“, „fail often“ sind Fremdwörter für uns in Deutschland. Trotzdem müssen wir lernen zu scheitern, Fehler zuzulassen. Bei Anderen aber auch bei uns selber.

Aber Vorsicht: Vor lauter Regeln und Bürokratie läuft Deutschland Gefahr, gar nichts mehr zu probieren. Ein „Billion-Dollar“ Start-Up kann ich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gründen, wenn ich nicht zuvor schon einmal gescheitert bin.

Ein digitales Mindset bedeutet vor allem eine Veränderungsbereitschaft. Ein Digital Leader muss daher nicht nur selber eine Veränderungsbereitschaft mitbringen sondern auch für Veränderung innerhalb der Belegschaft sorgen. Veränderung geht über Schmerz oder Leidenschaft. Der Digital Leader sollte den zweiten Weg wählen.

Keine digitale Sicherheit

Sicherheit ist ein zentraler Aspekt der Digitalisierung. Straftaten im Netz sind ein großes Problem. Beispiele, die zur Zeit durch unser System nur unzureichend bzw. gar nicht abgedeckt werden:

  • Hatespeech
  • Cypermobbing
  • Hacking
  • Wirtschaftsspionage
  • Fake News
  • Beeinflussung von Wahlkämpfen

Betrachtet man diesen kleinen Auszug an Problemen, dann lassen sich diese sowohl aus der Perspektive des Konsumenten diskutieren, als auch aus der Perspektive der Unternehmen und auch und vor allem aus der Perspektive der Politik.

Dem muss dringend Einhalt geboten werden.

  • Sicherheitslücken im System müssen publik gemacht werden und nicht vertuscht werden (Beispiele: Hackerangriff Bundesregierung, Abhöraffäre).
  • Die Abwehr von Wirtschaftsspionage muss durch Geheimdienste höchst professionell erfolgen.
  • Die Polizei muss technisch und personell so ausgestattet sein, dass Sie Internet-Kriminalität bekämpft.
  • Behörden müssen nicht nur international sondern auch national und ressortübergreifend zusammenarbeiten

Neben diesen Themen gibt es eine Menge weitere relevante Themen, wie z.B. die Anpassung des Arbeitsrechts, die dringend an die Herausforderungen aber auch die Chancen der Digitalisierung angepasst werden müssen. Aber auch der Umgang mit Big Data und Smart Data gehört auf die Agenda!

Von | 2018-05-31T16:15:33+02:00 16. März 2018|Digitale Transformation|

Über den Autor:

Dr. Hubertus Porschen ist Geschäftsführer der App-Arena GmbH. Er war zudem Vorsitzender des Verbandes der Jungen Unternehmer (Die Familienunternehmer). Des Weiteren doziert er auf Konferenzen und Tagungen zu Themen rund ums Social Web, Digitalisierung und Innovationsthemen.

Ein Kommentar

  1. Adrienne Stark 26. März 2018 um 20:03 Uhr - Antworten

    Hallo Hubertus,

    I totally agree!
    Während meines langjährigen Aufenthaltes in Peking habe ich Deutschland aus der Vogelperspektive betrachten können:
    Das Permanente in China ist die Veränderung – in BRD ist es der Stillstand/Besitzstandswahrung!
    Das

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