Als Geschäftsführer von 6 Schulen und 42 Kindertagesstätten in Süddeutschland bin ich immer wieder erfreut wie wichtig die Weiterentwicklung unseres Bildungssystems auf Wahlplakaten ist. In der Praxis erlebe ich ganz andere Situationen: wenig Beweglichkeit durch staatliche Überregulierung, staatliche Monopole und die Macht alteingesessener Träger.

Warum organisiert die BRD gerade Schulen planwirtschaftlich?

Im Wahlkampf proklamierten die Parteien gute Bildung als wichtiges Ziel. Insbesondere die Digitalisierung sei schnell umzusetzen. Digitales Lernen würde für eine digitale Welt vorbereiten. Aber was nützt es alten Unterricht durch alten Unterricht mit Computer zu ersetzen? Richtig, die Welt verändert sich rasant. Im Zuge der Digitalisierung werden alle standardisierten Arbeitsprozesse die heute noch Menschen erledigen von Roboter übernommen werden. Diese Entwicklung hat in der Industrie und der Verwaltung bereits begonnen, doch in den nächsten 10 Jahren werden wir hier einen Quantensprung erleben. 65 % der heutigen Schulkinder werden in Berufen arbeiten die es heute noch gar nicht gibt. Obwohl die standardisierten Arbeiten bald wegfallen werden, sind Standards und Konformität immer noch die Leitprinzipien deutscher Regelschulen. Damit Schüler auf die sich schnell verändernde und komplexe Welt von heute und morgen vorbereitet werden und sie die Herausforderungen wie Klimawandel, Hunger und Unsicherheit in der Welt lösen, brauchen wir Schulen, die die Erhaltung und Unterstützung der Kreativität, Autonomie und Verantwortung in den Fokus stellen. Doch diese nötigen Innovationen in den Lernkonzepten werden durch staatliche Überregulierung und staatlichen Monopolismus ausgebremst. Es gibt kaum Wettbewerb und geringe Anreize für private Schulanbieter. Das populistische Argument dahinter, das alle Parteien bemühen: durch private Schulen würde Bildung elitär. Doch der Staat kann auch – oder noch viel besser – private Schulen steuern, schließlich bleibt er der wichtigste Geldgeber und kann entsprechende Bedingungen für seine Förderung festlegen. Etwa im Kita-Bereich gibt es seit jeher mehr private Anbieter als staatliche und die Chancengerechtigkeit ist deutlich besser als in Schulen. Denn der offene Zugang für alle Kinder, das gemeinsame Lernen und die vergleichbaren Elternbeiträge sind auch für private Kitas standard. Beispielsweise werden in München Kinder aus bildungsfernen Schichten überproportional gefördert (130% pro Kopf-Zuschuss), das veranlasst private Träger diese Kinder gerne aufzunehmen und der Zuschuss ist durch vermehrte Eltern- und Jugendamtsgespräche auch gerechtfertigt.

Es geht auch anders

Das zeigen in Deutschland bereits einige Schulen unter anderem unsere. In unseren Schulen dürfen die Kinder jeden Tag 90 Minuten lang selbst entscheiden was sie Neues herausfinden wollen und auf welchen Wegen sie das machen. Ein Beispiel: Eine Stiftung hat uns geschrieben sie veranstalte ein Trickfilm-Wettbewerb. Grundschüler sollen Trickfilme einschicken. Einer unserer Lehrer griff das Thema auf und produzierte drei Trickfilme die sie an die Stiftung schickten. Leider kam zur Antwort, dass wir die einzige Grundschule in Baden-Württemberg seien, die Trickfilme eingeschickt hatte und der Wettbewerb wurde abgesagt. Doch unsere Schüler hatten bereits weitergemacht. Sie hatten sich mit einem Tablet -PC ein kleines Trickfilm-Studio gebaut, das sie nun selbständig – auch ohne Lehrer – bedienen konnten. In den täglich frei zur Verfügung stehenden 90 Minuten erstellten sie weitere Trickfilme. Sie beschlossen selbst ein Trickfilmfestival zu organisieren und diese Enttäuschung nicht so stehen zu lassen. Kurzerhand riefen sie bei den Organisatoren der Stuttgarter Trickfilmtage an, um Unterstützung zu bekommen. Eine Organisatorin führte daraufhin einen kostenlosen eintägigen Workshop mit unseren Kindern durch und beriet sie bei der Planung. Einige Wochen später moderierten die Grundschüler ein begeisterndes Trickfilmfestival bei dem 15 Filme präsentierten wurden von denen die Lehrer 7 gar nicht kannten. Sie waren komplett selbstständig entstanden. Auch bei dem Festival durften die Lehrer nur als Jury teilnehmen. Die Verantwortung lag bei den Schülern.

Trickfilme stehen nicht im Bildungsplan. Aber was die Schüler hier gelernt haben ist eine zentrale Kompetenz für die heutige Welt, nämlich: Wenn ich eine gute Idee habe, kann ich diese zum Erfolg führen und ich weiß auch wie. Diese Kreativität und Lösungskompetenzen brauchen Menschen von heute um die neue Welt zu gestalten. Trotz oder gerade wegen der hohen Selbstverantwortung erzielen unsere Schüler zu 77% eine gymnasiale Empfehlung. Quereinsteiger, also so genannte Schulverweigerer, die in der zweiten Klasse zu uns kommen sogar zu 86% und Kinder aus bildungsfernen Schichten zu 68%.

Damit mehr Schulen ihren Schülern mehr neues Lernen ermöglichen brauchen wir mehr Spielräume für die Schulen und mehr Innovationsanregungen. Deutschland ist ein rohstoffarmes Land und es wird, wenn wir so weiter machen als verarmtes Technologiemuseum der Welt enden. Bildung ist für unser Land die wichtigste Ressource. Wir müssen das kreative und innovative Potential unser Kinder und Jugendlichen fördern und nutzen um die Zukunft zu gestalten. Und das muss jetzt starten. Doch wie schaffen wir es dass sich die Schulen auf zeitgemäßes Lernen einstellen? Im Schulbereich entsteht viel zu wenig Innovation, weil der Staat den Stillstand verwaltet und private Initiativen mehr abwehrt als unterstützt. Es wird nur die Inputqualität betrachtet, als ob ein Lehrer  automatisch gute Schule mache. Mehr Lehrer oder mehr Schulstunden oder mehr Inhalte ergeben demnach bessere Ergebnisse. Das glaubt in der Wirtschaft kein Mensch und das stimmt auch im Bildungsbereich nicht. Wir müssen uns an der Output-Qualität orientieren. Was können die Schüler zum Schulabschluss tatsächlich, ist die entscheidende Frage. Das heutige Ergebnis ist skandalös. Und dass wir ein paar Punkte im Vergleich mit anderen (ärmeren Ländern) gewonnen haben ist kein Erfolg. Immer noch machen 5,8% der deutschen Schüler gar keinen Schulabschluss und 16% erreichen nur die niedrigste Kompetenzstufe in Mathe. Auch auf dem Gymnasium erreichen 10% nur die niedrigste Stufe! Und bei den heutzutage benötigten Kompetenzen, die beim PISA-Test gar nicht abgefragt werden, sieht es noch viel schlimmer aus, Kreativität, Innovation, Sozialkompetenz und Eloquenz werden abtrainiert statt systematisch gefördert. Kinder sind geborene Forscher, woher kommen dann die antriebs- und orientierungslosen Schulabgänger? Gehen wir es an, damit Kinder und Jugendliche ihren Forscherdrang behalten und ausbauen und wir die anstehenden gesellschaftlichen Herausforderungen lösen.

Freie Wohlfahrtspflege: Eine heimliche Macht im Staat

Im sozialen Bereich herrscht die Sicht von Kirchen und großen Wohlfahrtsverbänden, die seit Jahrhunderten Krankenhäuser, Armenfürsorge, Jugendhilfe und Kindertagesstätten betreiben. Rund 70% der sozialen Einrichtungen werden von den Kirchen und großen Wohlfahrtsverbänden betrieben. Die Kirchen sind aber nicht nur im sozialen Bereich der größte Arbeitgeber, sondern auch größer als alle anderen Unternehmen in Deutschland und die reichsten. Ihre Mitglieder sind in sämtlichen politischen Gremien und Verbänden vertreten. Keine anderer Arbeitgeber oder Verband – ob gemeinnützig oder nicht – wird vom Staat beim Eintreiben seiner Mitgliederbeiträge unterstützt. Wo ist eigentlich die Trennung von Staat und Kirche? Ist das noch zu rechtfertigen, da mittlerweile die größte Gruppe in Deutschland nicht Mitglieder der großen Kirchen sind? Wie ist es dann zu rechtfertigen, dass z.B. Sozialpädagogen einer christlichen Konfession angehören müssen, da für sie sonst zwei Drittel der Jobs nicht erreichbar sind. Die Kirchen stellen keine Muslime, Atheisten oder Buddhisten ein. Und auch keine Homosexuellen oder Zweitheirater. Da wird de facto das „Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz“ nicht eingehalten und dies bei im staatlichen Auftrag erbrachten Betreuungsleistungen für Familien, die in eben solchen Situationen leben. Einem staatlichen Auftrag, der zu einem hohen Anteil staatlich finanziert wird. Die großen Wohlfahrtsverbände und Kirchen stehen nicht an der Spitze der Innovation. Der Krippenausbau, die Ganztagesbetreuung, die duale ErzieherInnenausbildung oder eine Erleichterung des Quereinstiegs sind allesamt Projekte, denen diese Träger skeptisch gegenüberstehen oder standen. Die Innovationen wurden stets von freien unabhängigen Trägern (z.B. früher Waldorf oder Montessori, heute private freie Träger) initiiert. Dennoch werden die alten Träger bei kommunalen Ausschreiben für neue Kitas häufig von Gemeinderäten aufgrund von Bauch- oder Gruppenzugehörigkeitsgefühlen bevorzugt. Dabei sprechen sich die großen Träger sogar oft ab. Die Monopolkommission hat in ihrem XX. Hauptgutachten die bestehende Wettbewerbssituation in der Kinder- und Jugendhilfe untersucht. Sie kommt darin zu dem ernüchternden Ergebnis, dass es immer noch erhebliche Wettbewerbsverzerrungen zum Nachteil von privat-wirtschaftlichen Leistungsanbietern in Deutschland gibt. In der Folge treten eine Überbürokratisierung, geringe Innovationen und ein mangelndes Kostenbewusstsein auf. Um nach dem starken Platzausbau in der Kindertagessbetreuung nun auch eine gute pädagogische Qualität zu realisieren wäre eine gerechtere Förderung dringend nötig.

 

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