Geht doch wählen! Sind die „Jungen“ wirklich schuld am Brexit?

Nun ist er tatsächlich da: Der Brexit! Großbritannien hat gewählt und zwar für einen Austritt aus der Europäischen Union. Eines ist klar: Es ist nichts klar! Wann findet der Brexit statt? Findet er überhaupt statt? Was sind die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Folgen? Das sind nur einige der drängendsten Fragen. Wer ist aber tatsächlich „schuld“ am Brexit? Ist es die junge Generation, die Ihren „Hintern“ nicht hoch bekommt?

Wer ist schuld am Brexit?

Die Presse überschlägt sich mit Schuldzuweisungen: Sind es Farage, Johnson oder auch Cameron selbst, die schuld sind (und sich nun vor einer Verantwortungsübernahme drücken)? Oder sind es die britischen Medien (wie die meistgelesenste Tageszeitung „The Sun“, die jüngst titelte „Wir müssen uns selbst vom diktatorischen Brüssel befreien“), die einen Brexit zu verantworten haben? Oder ist es die EU selbst, die Schuld ist, personifiziert durch einen Kommissionspräsidenten, der den Regelbruch so verinnerlicht hat, wie kein zweiter? Die politische Situation in Europa jedenfalls lässt sehr stark vermuten, dass Europa dringend reformbedürftig ist. Doch abgestimmt haben letztlich die die Bürger Großbritanniens!

Wer hat sich am Referendum für den Brexit beteiligt?

Eines vorweg: Die Queen selbst hat nicht abgestimmt. Zwar darf Sie wählen, traditionell ist die britische Monarchie allerdings politisch neutral. 46,5 Millionen der 65 Millionen Briten haben sich für die Abstimmung registriert (In GB muss man sich für die Wahl einmalig registrieren). Die Beteiligung lag bei 72,2 Prozent und damit 33, 5 Millionen. Es gab somit fast einen Millionen Menschen mehr, die sich für den Brexit ausgesprochen haben. Yougov hat am Wahlabend eine Umfrage veröffentlicht, die mit Vorsicht zu geniessen ist, hatte Sie doch zum Ergebnis, dass mehrheitlich für „Remain“ abgestimmt wurde. Demzufolge sind es die älteren Generationen, die mehrheitlich für Leave stimmten- „die Jungen“ wollten mehrheitlich bleiben.

Nun sind die Jungen entrüstet und schreiben, dass Ihnen die Zukunft geraubt wurde. Schliesslich beträfe Sie der Brexit ja am Allermeisten! Die ältere Generation sagt nun, die Jungen seien doch selber schuld, schliesslich hätten Sie selbst verstärkt wählen gehen können, was Sie nicht gemacht haben. Lieber gingen Sie auf Festivals und interessieren sich nicht für Politik! Was ist nun dran an den gegenseitigen Vorwürfen?

It´s all about Data

Was ist nun Fakt? Wichtig und richtig ist, dass es keine exakten Daten hierzu gibt. Exakte Ergebnisse – Wahlbeteiligung, Remain- und Leave-Stimmen – gibt es nur nach Wahlkreisen gegliedert. Die Statistiken, basierend auf Umfragen, die bisher vorliegen sind also gar nicht repräsentativ. Das ist zunächst einmal sehr beängstigend, wird nun vielfach falsch ausgelegt und zitiert. Denn: Die Wahrheit ist komplizierter (FAS, 1. Juli 2016). Britische Meinungsforschungsinstitute haben aus Kostengründen auf eine detaillierte Erhebung verzichtet. Nach dem Gang an die Urne wurden keine Wähler befragt. Die einzige Umfrage, deren Zahlen kursieren, basieren auf einer Umfrage des Fernsehsenders Sky, die wiederum auf vergangenen Daten beruhen und hochgerechnet wurden. Allein dieses Versäumnis illustriert das Chaos, das rund um den Brexit herrscht und ist als einziges Desaster zu interpretieren.

So what?

Sind es nun die Jungen, die Alten oder wer ist schuld am Brexit? Mal ganz ehrlich: Immer mit dem Finger auf andere zu zeigen ist ziemlich feige. Wer etwas ändern will muss sich engagieren und nicht nachher meckern. Nach dem Votum gehen nun hauptsächlich junge Menschen in Scharen (zuletzt 40.000 am 2.6.2016; 4 Millionen Briten haben eine Online Petition unterzeichnet, die ein zweites Referendum präferiert) auf die Strasse und schreien „Ich liebe die EU“! Warum erst nachher? Und nicht bereits vorher? Irgendwann müssen auch junge Menschen Verantwortung übernehmen. Das hat eine ganze Generation versäumt.

Aber auch die ältere Generation trägt eine Mitschuld. So schreibt die FAS vom 1.Juli 2016: „Mit 21 keinen Plan zu haben…das ist ein Skandal. Mit Anfang fünfzig keinen Plan zu haben…es fehlen einem die Worte.“ So ist es bspw. vollkommen unverständlich, dass Fabrikarbeiter aus Birmingham, deren Unternehmen auf den Export angewiesen ist, mehrheitlich für den Brexit gestimmt haben. Hier besagt allein der gesunde Menschenverstand, dass man sich ins eigene Fleisch schneidet.

Was bleibt, sind Fragen über Fragen? Aber auch Chancen, aus den Fehlern zu lernen und Verbesserungen anzustreben (Siehe auch Reformen in Europa). Warum etabliert man nicht ein digitales Wahlsystem, welches sich den Situationen aller Bürger besser anpasst? Alle erdenklichen Hürden zur Stimmabgabe sollten möglichst reduziert werden. Digitalisierung gibt uns hierzu die Chance und könnte zu einer wesentlich höheren Wahlbeteiligung führen. Engagement in der Politik: Politisches Engagement muss nicht zwangsläufig über Parteimitgliedschaften laufen. Engagement geht auch über Verbände oder organisierte Demonstrationen- auch vor der Wahl- und nicht nur wenn es schon zu spät ist!

Quellen:

http://www.huffingtonpost.de/mark-hauptmann/stell-dir-vor-es-ist-wahl-und-keiner-geht-hin_b_10784822.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/harte-bretter/harte-bretter-ueber-das-brexit-referendum-die-dummen-alten-14310094.html

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article156634977/Den-Brexit-Waehlern-ging-es-gar-nicht-um-Bruessel.html

http://www.swp.de/ulm/nachrichten/politik/All-EU-needs-is-Love-Briten-protestieren-gegen-Brexit;art1222886,3909471

FAS, 1. Juli 2016

Von | 2018-05-31T17:34:22+02:00 6. Juli 2016|Alle Beiträge, Politik und Wirtschaft|

Über den Autor:

Dr. Hubertus Porschen ist Geschäftsführer der App-Arena GmbH. Er war zudem Vorsitzender des Verbandes der Jungen Unternehmer (Die Familienunternehmer). Des Weiteren doziert er auf Konferenzen und Tagungen zu Themen rund ums Social Web, Digitalisierung und Innovationsthemen.

Ein Kommentar

  1. […] Flüchtlinge sind das dominierende Thema der letzten 12 Monate der Politikdebatten in Deutschland gewesen. Ein wenig Europa und etwas Rente. Mehr nicht. (#Generationengerechtigkeit) […]

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