Michel Houellebecqs „Unterwerfung“

Wenn sich der französische Premierminister Manuel Valls zu einem Buch äußert („Frankreich, dass ist nicht Houellebecq“), dann wird deutlich, welche Relevanz das vorliegende Buch haben muss. An dieser Stelle sei angemerkt, dass Houllebecq ein in Frankreich sehr bekannter Autor ist und die französischen Intellektuellen ein wesentlich höheres Renomee und einen größeren- nicht zuletzt politischen- Einfluss auf die Politik haben (siehe hierzu auch Academie francais). Unterwerfung: Roman

Und in der Tat: Es ist lesenswert. In vielerlei Hinsicht. Einerseits schreibt der Autor in einer Sprache, der einfach zu folgen ist. Es handelt sich um eine spannende Story. Anderseits kommt der Leser ins Nachdenken und Überlegen. Warum? Weil die Story zunächst abgedreht wirkt, weil der Leser nicht weiss, was real ist und was Fiktion ist. Und darin besteht auch die größte Gefahr des Romans: Der Autor vermischt Reales mit Fiktivem. Das manifestiert sich oberflächlich gesehen in Halbwahrheiten.

Die Geschichte von Francois

Der französische sich selbst als intellektuell bezeichnende Literaturwissenschaftler Francois, der an der Pariser Sorbonne unterrichtet widmet sein Leben dem Autor Huysmans. Getrieben von den Erkenntnissen über sein Vorbild spielt er dessen Leben gewissermapen nach. Aber der Reihe nach: Frankreich im Jahr 2022. Die Sozialisten konnten nach dem erfolglosen und unbeliebten Hollande eine weitere Legislaturperiode mit dem blassen Valls an der Macht bleiben. Das führt zu einer weiteren Stärkung der politischen Rechten um Le Pen und dem zunächst völlig absurd erscheinenden Aufsteigen der Muslimbruderschaft und der politischen Linken. Was sich zunächst als düstere Vorahnung liest aber später Realität wird: Die linken und gemäßigten Parteien koalieren mit der Muslimbruderschaft, die dann tatsächlich an die Macht kommt.

Unterwerfung: Roman

Während der Wahlen und auch vorab erstickt Frankreich im Terror. An einer Tankstelle findet der Autor bei seiner Flucht aus Paris in die Provinz Erschossene und Tote. Die Wahlen müssen vom Militär kontrolliert werden. Am Ende kehrt Francois zurück und beugt sich dem verlockenden Angebot an die Universität zurückzukehren. Schliesslich darf er sich seines „Standes“ angemessen Ehefrauen aussuchen. Er gibt seinen Prinzipien nach. Ironischerweise erübrigt sich damit auch sein Frauenproblem „Alles ist gut“. Das sonst so verabscheute System lässt dem Hauptprotagonisten dann doch eine Menge Freiheiten, seinen Vergnügungen nachzugehen.

Francois flieht vor sich selbst

Die Flucht Francois ist auch eine Flucht in sein eigenes Inneres. Er folgt seiner einzigen Liebe Miriam (die Jüdin ist und bereits nach Israel geflohen ist) auf eine unbestimmte Reise, die Ihm keine wesentliche Erkenntnis bringt. Er folgt nicht Ihr direkt (das kriegt er nicht auf die Kette) sondern seiner eigentlichen Liebe Huysmans in ein Kloster. Zerrissen von der Unfähigkeit zu lieben und sich festzulegen, muss er letztlich feststellen, dass er sich dem System geschlagen gibt.

Francois ist ein Feigling. Er glaubt, dass seine Gedankenspiele und Reflektionen der Situation genügen. Er ist Intellektueller. Er führt Einzelgespräche. Er nimmt zunächst seine Pension in Kauf und dann doch den gut bezahlten Posten (und die Ehefrauen). Würde er Verantwortung übernehmen (und das könnte er aufgrund seines Rufes, seiner Beziehungen etc.) sähe die Gegenwehr anders aus.

So what: Lesen oder nicht?

Ich denke, dass Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ tatsächlich ein Buch ist, was ich persönlich gerne in zwei bis drei Jahren noch einmal lesen werde. Und es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass meine Interpretation des Buches dann anders aussieht.

Es ist eine unbedingte Leseempfehlungen. Es regt zum Nachdenken an. Wahrscheinlich ist es auch genau das, was der Autor mit diesem Buch erreichen wollte. Aufmerksamkeit. Impulse. Vielleicht auch den Impuls transportieren, in einer Gesellschaft, die sich als „politikverdrossen“ bezeichnen lässt Verantwortung zu übernehmen!

Von | 2018-05-31T17:58:44+02:00 23. Februar 2016|Bücher Rezension|

Über den Autor:

Dr. Hubertus Porschen ist Geschäftsführer der App-Arena GmbH. Er war zudem Vorsitzender des Verbandes der Jungen Unternehmer (Die Familienunternehmer). Des Weiteren doziert er auf Konferenzen und Tagungen zu Themen rund ums Social Web, Digitalisierung und Innovationsthemen.

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