Warum der neue OECD Bericht ein Armutszeugnis für unser Bildungssystem ist

Der gestern veröffentlichte OECD-Bildungsbericht gibt auf den ersten Blick Grund zur Hoffnung! Auf den zweiten Blick sieht das deutsche Zeugnis aber wieder mal eher mangelhaft als sehr gut aus! Warum ist Bildung so wichtig für unsere Volkswirtschaft? Woran liegt das? Was sagen die Absolventen selber? Was kann der Staat ändern?

Exkurs: Warum Bildung so wichtig ist!

Unseren Ausführungen liegt der gedankliche Ansatz zugrunde, dass wir davon ausgehen, dass die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland- relativ gesehen- stagniert. Durch innovative Neugründungen können wir Wirtschaftswachstum schaffen und Strukturwandel initiieren. Nur so können wir mittelfristig Arbeitsplätze schaffen. Der Clou: Innovative Neugründungen basieren im Wesentlichen auf der Person des Unternehmensgründers. „Der Unternehmer“ wird allerdings nicht geboren, sondern ausgebildet: In unserem Bildungssystem! Konklusion: Wachstum entsteht nur durch ein „gutes“ Bildungssystem!

Der OECD-Bildungsbericht

Was steht nun im Bildungsbericht? Sehr viel. Auf knapp 600 Seiten gibt es viele Statistiken und Auswertungen, die verschiedene Schlussfolgerungen/Interpretationen zulassen. Einige wenige „key-findings“:

  • In Deutschland studieren 53 % eines Jahrgangs. Im OECD Durchschnitt sind es 60 Prozent.
  • Die Anzahl der Studenten in Deutschland ist auf einem „all time high“ von 2,8 Mio. Studenten
  • Es gibt eine Tendenz zum Fach Informatik
  • 36 % der Studenten schliessen ihr Studium in Deutschland erfolgreich ab. Der OECD Durchschnitt liegt bei 50 %. Schlechter schneiden nur Italien und Luxemburg ab.
  • Deutschland investiert mit 4,4 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes zu wenig in den Bildungssektor. Zum Vergleich: Der OECD-Durchschnitt liegt bei 5,3 Prozent. Neuseeland investiert 7 Prozent in Bildung.
  • Die Quote der 20-24 jährigen, die im Anschluss an Ihre Schulzeit in keinem Arbeits- oder Ausbildungsverhältnis stehen, liegt bei 10,1 %. Der OECD Durchschnitt bei 17,9 %.

Natürlich repräsentieren diese Zahlen/Statistiken nur einen kleinen Ausschnitt aus dem umfangreichen Bericht. So werden auch Vorzüge des deutschen Systems hervorgehoben:

  • Beispielsweise wird das deutsche duale Ausbildungssystem lobend hervorgehoben, welches allgemein als Erfolgsmodell gesehen wird.
  • Der OECD Bericht attestiert dem deutschen Bildungssystem „gute Fortschritte auf dem Weg zu mehr Chancengleichheit durch Bildung“
  • Gerade innerhalb des Ausbaus der frühkindlichen Bildung bekommt Deutschland gute Noten

Die Resultate geben allerdings einen ersten Aufschluss darüber, wo Deutschland als führende wirtschaftliche Nation Europas und hochindustrialisiertes Land steht: Definitiv nicht an der Spitze!

Keine Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt

Wie sieht nun die Integration des deutschen Studenten in den Arbeitsmarkt aus? Was fehlt? Der Personaldienstleister Univativ hat hierzu eine Umfrage unter 1000 Studenten durchgeführt. 90 % sagen, dass Sie auf Praxisbezug und Weiterbildung setzen um sich optimal auf den Start ins Berufsleben vorzubereiten. 16 % sagt, dass ihr Studium sie optimal vorbereitet. Problematisch sehen die Studenten weniger die theoretische Basis sondern vielmehr fehlende Anwendungskenntnisse! Stellt sich die Frage, welchem Zweck das Studium dient, wenn es nicht auf die berufliche Tätigkeit vorbereitet? Das duale Ausbildungssystem scheint auf den angesprochenen knowing-doing gab eine erste Antwort zu geben. Praxisnähe und Erfahrung helfen definitiv. Was kann der Staat machen, um den Einstieg zu erleichtern?

Reformvorschläge

Im Folgenden sind drei exemplarische Reformvorschläge aufgelistet, die zur Verbesserung des Bildungssystems führen könnten!

  • Mehr Investition: Da viele gut ausgebildete Arbeitnehmer in den nächsten Jahren in Rente gehen, kann die Lücke z.B. durch ausreichende Bildungsausgaben geschlossen werden. Es kann nicht sein, dass Deutschland als hochindustrialisiertes und auf Wissen angewiesenes Land unterhalb des OECD-Durchschnitts angesiedelt ist.
  • Andere Fokussierung im Bildungssystem: Kompetenzen statt Transfer! Wir müssen unser Bildungssystem dahingehend ausrichten, dass die Kompetenzen einerseits an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes ausgerichtet sind („wirtschaftliche Nähe“) andererseits z. B. auch Fähigkeiten im Bildungssystem die bisher gar nicht gefördert werden:
    • Kreativität
    • Neugier
    • Risikobereitschaft
  • Praxisnähe stärken: Fächer wie Informatik und Wirtschaft müssen dringend verpflichtend werden: In der Schule und auch in allgemeinen Studiengängen!

Fazit:

Der deutsche Staat bzw. die Politik muss allgemeingültige Rahmenbedingungen schaffen, die ein vernünftiges Gründungs-, Wachstums- und Innovationsklima bereitstellen, nicht punktuell die Ausgaben/Subventionen erhöhen.  Wir müssen Anreize durch Förderung individueller Kompetenzen (im Bildungssystem) nicht durch „Transfer“ schaffen. Auch wenn der OECD-Bericht darauf verweist, dass erste Maßnahmen zur Verbesserung unseres Bildungssystem ergriffen wurden, werden die Ergebnisse dem Selbstverständnis Deutschlands als führende Industrienation nicht gerecht.

Quellen:

http://www.wiwo.de/erfolg/campus-mba/studentenrekord-studium-bereitet-kaum-auf-den-job-vor/12637822.html

http://www.keepeek.com/Digital-Asset-Management/oecd/education/education-at-a-glance-2015_eag-2015-en#page462

http://www.finanzen.net/nachricht/aktien/Allg-Zeitung-Mainz-Die-Chance-ist-da-Kommentar-zum-OECD-Bildungsbericht-von-Christian-Matz-4627293

http://www.focus.de/finanzen/news/wirtschaftsticker/oecd-bericht-deutschland-bietet-jungen-leuten-gute-job-chancen_id_5107978.html

Von | 2018-05-31T17:52:36+02:00 30. November 2015|Alle Beiträge, Politik und Wirtschaft|

Über den Autor:

Dr. Hubertus Porschen ist Geschäftsführer der App-Arena GmbH. Er war zudem Vorsitzender des Verbandes der Jungen Unternehmer (Die Familienunternehmer). Des Weiteren doziert er auf Konferenzen und Tagungen zu Themen rund ums Social Web, Digitalisierung und Innovationsthemen.

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