Fachkräfte aus Syrien verboten? Oder: Wie stelle ich einen Flüchtling ein?

Aus aktuellem Anlass nochmal das Thema Flüchtlinge. Denn wir, die AppArena GmbH (www.app-arena.com), suchen Programmierer, Entwickler, Informatiker. Keine (bzw. nicht mehr) Auszubildende, sondern „echte Fachkräfte“. Und das wird immer schwieriger. Diagnose: Fachkräftemangel! Von daher: Wenn es zu wenig Fachkräfte gibt – warum dann nicht einfach qualifizierte Flüchtlinge einstellen? Ganz einfach: Weil einen Flüchtling einzustellen eben nicht so einfach ist. Das zeigt der Realitätscheck.

Unwürdige Diskussionen mit falschen Inhalten!

Doch nochmal von vorne: In den Medien sind Flüchtlinge Tagesthema. Seit Monaten. Es geht um die Frage, wie stark eine Gesellschaft dadurch belastet wird. Es gibt Kleidersammlungen, es gibt Spenden, es gibt Proteste vor Flüchtlingsunterkünften. Warum wird eigentlich nicht viel öfter die Frage gestellt, wie wir diese Menschen schnellstmöglich in unsere Gesellschaft integrieren können? Das ginge wohl am besten, wenn wir ihnen Arbeit geben! Darüber hinaus entlastet jeder Flüchtling, der Arbeit findet, die öffentlichen Kassen. Doch viel zu viele haben hier in Deutschland gerade in den ersten Monaten gar keine Möglichkeit, den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen!

Ein nicht hinnehmbarer Antragsstau!

Es ist kaum zu glauben, dass ein hochprofessionalisiertes Land wie Deutschland nicht in der Lage ist, die Verfahren zur Anerkennung (oder Ablehnung) eines Asylbewerbers zu beschleunigen. Auch die Zusage Wolfgang Schäubles, 50 Zollbeamte für die Bearbeitung von einfachen bzw. schnellen Verfahren einzustellen, ist einigermaßen absurd, wenn man bedenkt, dass zurzeit 200.000 Anträge unbearbeitet sind. Auch Angela Merkel hat betont, wie wichtig es ist, den Menschen schnell mitzuteilen, ob sie hierbleiben können. Bei Asylbewerbern aus Kriegsgebieten wie Syrien liegt die Anerkennungschance bei 87 Prozent. Das bedeutet: Wenn der Antragsstau endlich beseitigt würde, könnten diese Menschen endlich bei uns arbeiten!

Einfach einstellen? Unmöglich!

Gleichzeitig helfen und den eigenen Fachkräftemangel lindern – das waren die Ziele der Firma HEW Kabel aus dem oberbergischen Wipperfürth. Eine Bekannte, die in der Flüchtlingshilfe arbeitete, hatte den Kontakt zu einem syrischen Flüchtling hergestellt, einem gelernten Ingenieur. Der Geschäftsführer von HEW Kabel wollte den jungen Mann gerne als Mitarbeiter gewinnen. Soweit die Theorie. Doch wie in die Praxis umsetzen? Der einfachste Weg, den Mann aus Syrien über eine Leiharbeitsfirma einzustellen, fiel schon mal aus. Denn die Arbeitserlaubnis für einen Flüchtling wird immer nur für einen bestimmten Betrieb erteilt. Leiharbeitsfirmen sind damit bei der Flüchtlingsvermittlung komplett außen vor – eine völlig unverständliche Bürokratiehürde!

Hartnäckigkeit zahlt sich aus…

Also blieb HEW Kabel nur der Weg, den jungen Mann direkt einzustellen. Doch es gab nirgendwo eine Anleitung, wen man für was wann und wie ansprechen muss – weder bei der Agentur für Arbeit, noch bei der zuständigen IHK. So begann der Personalleiter von HEW Kabel selbst den abenteuerlichen Gang durch die Instanzen. Das Flowchart über diesen Prozess, das im Nachgang erstellt wurde, ist ausgedruckt ungefähr zwei Meter lang. Das Ergebnis nach mehreren Wochen hartnäckiger Bürokratiebezwingung: Der syrische Flüchtling wurde zunächst für 15 Monate als Praktikant mit einem Gehalt deutlich über Mindestlohn eingestellt. 15 Monate übrigens deshalb, weil es erst ab dem 16. Monat eine Arbeitserlaubnis ohne Vorrangprüfung gibt. Ein zweiter syrischer Flüchtling folgte – beide Mitarbeiter und die Arbeitgeber sind mit der Zusammenarbeit sehr zufrieden.

Ende gut – alles gut?

Ganz bestimmt nicht! Das Beispiel zeigt eindrucksvoll, wie aus dem Engagement einzelner verantwortungsvoller Menschen ein Mehrwert generiert werden konnte. Völlig unverständlich ist es hingegen, dass es nicht einmal einen Leitfaden für interessierte Unternehmen gibt! Dabei sollte es ein Anliegen der zuständigen Kommunen, der Kammern und auch der Arbeitsagenturen sein, den Unternehmern hier zur Seite zu stehen!

Folgendes ist zu tun:

  1. Die Antragsverfahren beschleunigen – hier ist die Politik gefragt!
  2. Sofortige Deutschkurse anbieten – das ist Sache der Politik und der Kommunen, hier wird aber auch ehrenamtlich schon viel geleistet!
  3. Die bürokratischen Einstellungshürden abbauen – auch hier ist die Politik in der Verantwortung!
  4. Leitfäden für Unternehmen erstellen – hier müssen die Wirtschaftsverbände, die Kammern und die Arbeitsagenturen tätig werden!
  5. Das Matching professionalisieren – hier kann jeder helfen, Flüchtlingshilfen, Kommunen, kirchliche Institutionen, aber auch innovative neue Lösungsansätze sind wichtig!

Ein interessanter Lösungsansatz für Punkt 5 bietet beispielsweise die Plattform http://www.workeer.de, auf der Flüchtlinge und interessierte Unternehmen kostenlos Gesuche und Angebote inserieren können. Hier haben wir uns daraufhin natürlich direkt registriert. Aber auch das macht nur Sinn, wenn der Flüchtling anerkannt ist. Womit wir wieder bei Punkt 1 wären…

Flüchtlinge anstellen – für den Wohlstand unseres Landes!

Fakt ist: Unsere Wirtschaft ist auf Zuwanderung angewiesen. Der künftige Wohlstand unseres Landes ist in Gefahr! Denn schon jetzt gibt es nicht nur den Fachkräftemangel bei Unternehmen wie uns. Sondern es geht darüber hinaus auch um die 600.000 jetzt schon offenen Stellen in Bereichen ohne formale Ausbildung wie in Pflege, Gastronomie und Landwirtschaft!

Die Mitarbeiter, die wir so dringend in unseren Unternehmen brauchen, sind wahrscheinlich schon bei uns im Land. Worauf warten wir?!

Weiterer interessanter Beitrag:

Aus Köln, Düsseldorf oder Damaskus… Oder: Warum Zahira bei uns genau richtig ist
https://www.hubertusporschen.com/2015/08/06/aus-koeln-duesseldorf-oder-damaskus-oder-warum-zahira-bei-uns-genau-richtig-ist/

Quellen

http://www.einwanderer.net/Zugang-zum-Arbeitsmarkt.132.0.html

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-08/asylbewerber-bamf-zoll-unterstuetzung

„Zum Nichtstun verdammt.“ Spiegel Nr. 35, S. 58-63.

Von | 2018-05-31T17:46:17+02:00 24. August 2015|Alle Beiträge, Unternehmertum|

Über den Autor:

Dr. Hubertus Porschen ist Geschäftsführer der App-Arena GmbH. Er war zudem Vorsitzender des Verbandes der Jungen Unternehmer (Die Familienunternehmer). Des Weiteren doziert er auf Konferenzen und Tagungen zu Themen rund ums Social Web, Digitalisierung und Innovationsthemen.

3 Kommentare

  1. Prof. Dr. Uschi Backes-Gellner 26. Juli 2016 um 22:02 Uhr - Antworten

    Sehr geehrter Herr Dr. Porschen,

    Ihr Name ist mir von Frau Dr. Karen Horn, ehemals FAZ und IW, empfohlen worden. Ich bin stellvertretende Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik und Professorin an der Universität Zürich. Wir organisieren für die Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik (die renommierte Vereiningung der deutschen Volkswirtschaftler) gemeinsam mit dem Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaftslehre und der stärker praxisorientieren Schmalenbachgesellschaft für Betriebwirtschaft ein Diskussionspanel zur Flüchtlingspolitik aus Unternehmensperspektive. Das Panel findet statt am Mittwoch, den 7.9.2016, 12:15-13:30 auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in Augsburg.

    Bisher haben wir folgende Teilnehmer: Frau Dr. Karen Horn (ehemals FAZ, IW) als Moderatorin, Frau Prof. Gitta Wolff (Präsidentin der Uni Frankfurt) aus Perspektive der Hochschule als Unternehmen, Frau Prof. Ortlieb aus wissenschaftlicher Perspektive, und Frau Stodt von der deutschen Bahn als Vertreterin eines Grossunternehmens.

    Wir würden nun gerne noch einen Diskutanden haben, der die Perspektive der kleineren und insbesondere auch der jüngeren Unternehmen kennt, denn auch diese Unternehmen werden bei der Integration von Flüchtlingen eine grosse Rolle spielen. Da Sie sich zu dem Thema schon ausführlich geäußert haben, dachten wir, dass Sie vielleicht Interesse haben, als Diskutand an dem Panel teilzunehmen und dort Ihre Argumente einzubringen.

    Wir würden uns jedenfalls freuen Ihre Perspektive dabei zu haben. Lassen Sie mich wissen, wenn Sie Fragen haben. Gerne stehe ich per email oder telefonisch zur Verfügung (im Moment bin ich allerdings in den USA, so dass Anfang August für ein Telefonat einfacher zu koordinieren wäre).

    Wir freuen uns über eine baldige Antwort.

    Mit freundlichen Grüssen
    Ihre
    U.Backes-Gellner

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