Familienunternehmen

Bis vor 20 Jahren galten Familienunternehmen als Auslaufmodelle, die bald von multinationalen, Großkonzernen geschluckt oder verdrängt werden würden. Familiäre Führung, mittelständische Größe, eine vorsichtige Finanz- und Investitionspolitik, niedrige Renditen und vor allem die emotionale Bindung der Familie an ihr Unternehmen galten als Risikofaktoren und damit als Defizite gegenüber rational und managergeführten, renditestarken, shareholder-orientierten Konzernen.

Das Platzen der Dotcom-Blase 2000 und die Finanzkrise 2008/09 führten zu einem Umdenken: Tatsächlich sind die mittelständischen Familienunternehmen das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Viele von ihnen sind „Hidden Champions“, die mit hoch spezialisierten Produkten Weltmarktführer in ihren Nischen sind. Die Familienunternehmen schaffen auch in Deutschland noch Arbeitsplätze, während die DAX-Konzerne lieber in Asien investieren. Die Stärke der deutschen Wirtschaft liegt in den mittelständischen Familienunternehmen mit teils langer Geschichte.

Warum ist das so? Vier Faktoren scheinen dafür besonders relevant:

1. Nachhaltigkeit durch Denken in Generationen. Statt kurzfristiger Gewinnmaximierung oder steigenden Aktienkursen geht es Familienunternehmen darum, der nächsten Generation ein intaktes Unternehmen zu übergeben. Zu dieser nachhaltigen Ausrichtung gehört verantwortungsbewusstes Handeln gegenüber Mitarbeitern und Kunden. Eine hohe Eigenkapitalausstattung und wenig Schulden machen die Unternehmen krisenfest. Solides Wachstum aus eigener Kraft statt spektakulärer Zukäufe oder feindliche Übernahmen. Wer keine hohen Gewinne an Aktionäre ausschütten muss, kann mehr Kapital thesaurieren, mit geringeren Renditen auskommen und Arbeitsplätze in Deutschland sichern.

2. Engagement der Familie. Kaum ein angestellter Manager bringt das bedingungslose Commitment eines jungen Familienerben mit, der sein Unternehmen von seinen Großeltern und Eltern übernommen hat und es intakt an seine Kinder und Enkel weitergeben will. Die Familienunternehmer kennen ihre Mitarbeiter seit Jahrzenten, sind im Unternehmen aufgewachsen, setzen sich auch ohne Spitzengehalt rückhaltlos für das Unternehmen ein und verkaufen nicht bei erster Gelegenheit an Investoren. Notfalls haftet die Familie mit eigenem Vermögen. Durch ihre Integrität baut sie Vertrauen ins Unter¬nehmen auf.

3. Flexibilität. Gegenüber den langen Entscheidungswegen innerhalb von Großkonzernen können mittelständische Familienunternehmen mit ihren flachen Hierarchien und geschäftsführenden Gesellschaftern schnell auf Kundenwünsche und Marktveränderungen reagieren. Flache Hierarchien, wenig interne Politik, mitdenkende und selbstständig handelnde Mitarbeiter sind ihre Stärken.

4. Generationenwechsel. Das ist der interessanteste Punkt. Der familiäre Generationenübergang wird vielfach als Gefährdung eines Unternehmens gesehen, weil er oft zu spät erfolgt, manchmal misslingt und gelegentlich Erben unfähig sind. Aber was immer übersehen wird: Im regelmäßigen Generationenwechsel nach 30 oder 40 Jahren liegt eine enorme Chance der Veränderung. Denn der Chef eines Familienunternehmens kann sich seine Firmenerben nicht aussuchen, sondern es kommen junge Männer und Frauen ans Ruder, die ihren eigenen Kopf haben, die etwas ändern wollen, die die Firma bestens kennen und wissen, wo sich die Reformen stauen. Sie können einen neuen Kurs einschlagen und das Unternehmen neu erfinden.

Negativbeispiele von Familienunternehmen

Firmeninhaber, die Schwierigkeiten nicht wahrhaben wollen, notwendige Sanierungen verzögern, unrentable Fabriken behalten, nicht delegieren, sich am Chefsessel festklammern, sich zerstreiten und letztlich ihr Unternehmen in den Abgrund ziehen. Oder die mangels Nachfolger doch an Konzerne verkaufen, die zwar Marke und Know-how nutzen, den Standort aber ein paar Jahre später schließen, weil er in Deutschland teurer ist als Werke in Polen oder China. Aber das ist dann eben kein Familienunternehmen mehr.

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